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Artikel
15. Mai 2010
Masurische Geschichten - Ein Reiseporträt (Teil 1)
Kategorie: Artikel

Von: Volkmar Schwabe

Teil 1: Durch die grüne Lunge Polens mit Rad und Schiff

„Im Osten und Westen fielen die Soldaten, in der Hauptstadt Warschau herrschte ein grausamer Diktator mit seinen Höflingen, im besetzten Polen wurden die ersten Vernichtungslager gebaut. Und in diesem von Schande, Tod und Schmerz bedeckten Deutschland lag Masuren, ein sonniges Stück Natur mit seinen bis an den Horizont reichenden Wiesen, den nicht enden wollenden Wäldern, den unzähligen Seen und den Mooren. Ostpreußen im Herbst 1941. Durchdrungen noch nicht vom Donner der Geschütze, sondern vom Brunftgeschrei der Hirsche. Überflogen nicht von Kampffliegerstaffeln, sondern bloß von Kranichen in Formation“. Marion Dönhoff ritt zu diesem Zeitpunkt durch die Masuren und schrieb dabei ihr Tagebuch. Es war ein ahnungsvolles Abschreiten des Paradieses vor der Vertreibung. Die Tagebuchaufzeichnungen der Gräfin wurden zur masurischen Elegie.

Dieses Reiseporträt wandelt auf den Spuren der Gräfin Marion Dönhoff. Allerdings nicht mit dem Pferd, sondern dem Drahtesel. Und ganz im Gegensatz zum September 1941 soll die Reise im September 2009 kein Klagelied sein über den anstehenden Verlust einer geliebten Heimat mit der Pracht der unberührten Natur, der Spiegelungen des Lichts in den tausenden Seen, dem Trommeln der Hufe auf dem Sandboden Südmasurens. Ganz im Gegenteil dazu will dieses Porträt nachspüren, was das ganz Besondere, das Spezifische ist an dieser vollkommenen Schönheit, die die Gräfin so eindringlich empfunden und beschrieben hat.

Dieses Reiseporträt wandelt aber auch auf den Spuren eines Hamilkar Schaß, den selbst akute Lebensgefahr nicht beim Lesen eines alten Masuren-Kalenders stören konnte. Beim großen Genuss des Lesens, welches er sich in seinem hohen Lebensalter gerade selbst beigebracht hatte. In der Gegend zwischen Suleyken und Schissomir. Das Porträt versucht, die große Liebe, die Siegfried Lenz mit seinen biografischen Erzählungen über Masuren und den vielen „Mariellchen“ ausschüttet, nachzuspüren.

Sie merken es schon: Dieses Porträt verzichtet darauf, in knackiger Kürze tagebuchartige, chronologisch präzise Aufzeichnungen einer Radfahrt durch die Masuren in die Tasten zu klopfen. Es will dem Besonderen, dem Ungewöhnlichen, dieser Region und dieser Reise nachspüren. Es will diese anhand der Erkundung mit Fahrrad und Schiff atmosphärisch ablichten. Und will Sie dabei mitnehmen. Auch um den Preis, dass Sie anschließend nicht haargenau den Tagesplan und die jeweilige abgespulte Route auswendig kennen. Wenn Sie aber nach der Lektüre dieser Reisebeschreibung die Menschen und diese Region, in der sich der liebe Gott bei der Schaffung wohl ganz außergewöhnlich angestrengt haben muss, ein wenig besser kennen, und insofern auch besser einschätzen können, ob Sie vielleicht einmal auch ganz persönlich auf den Spuren der Gräfin Dönhoff und des Siegfried Lenz wandeln wollen, oder auch nicht, so wäre ich hochzufrieden.

Was Sie zunächst aber ganz besonders interessieren wird, denke ich: Wie kam der Autor ausgerechnet auf die Masuren als Ziel seiner journalistischen Interessen? Hier die Antwort:

Wie das immer so ist, wenn sich einem ein bis dato nur wenig vertrauter und - wenn überhaupt - eher exotisch klingender Name im Bewusstsein einnistet, richtet sich der subjektive Aufmerksamkeitsfokus plötzlich ganz zielgerichtet auf diese bisher so völlig fremde Region. Registriert plötzlich, dass immer mehr Zeitschriften und sogar Tageszeitungen in ihren Reiseteilen von den Masuren schwärmen. Mehr noch: So wandert zum Beispiel das im September 2008 vom WDR mit der Reisejournalistin Tamina gedrehte Masuren-Porträt in der Serie „Wunderschön“ mit dem Titel: „Masuren, das Land der 1000 Seen“ durch alle bundesdeutschen dritten Programme. Wobei sogar in eher unüblicher Medien-Bescheidenheit dabei mindestens 2000 weitere Seen unterschlagen wurden. Keine „Pfützen“, wie Sie jetzt vielleicht vermuten. Allein 2000 dieser in aller Regel auch noch in ausnehmend schöner Landschaft eingebetteten Binnengewässer weisen eine Größe von mehr als 5 Hektar auf. Kurz: „Alle Welt“ scheint plötzlich an den Masuren interessiert zu sein.

Zu Recht? Sind die Masuren, ist der 1977 zum Schutz der Landschaft gegründete Masurische Landschaftspark, der sogar künftig in einen Nationalpark umgewandelt werden soll, wirklich so außergewöhnlich schön und interessant? Gehören die Masuren wirklich zu den „Kronjuwelen im grünen Netz der Naturlandschaften Europas“, wie das der Marco Polo Reiseführer einem modernen Märchen gleich umschreibt? Hat diese Region eventuell sogar das Zeug dazu, sich dem Massentourismus zu erschließen? Sollte man sich deshalb besser noch vorher in das Gebiet im Dreieck Polen, Russland, Litauen und Weißrussland, ca 750 km von Berlin entfernt, aufmachen? So wie wir, meine Frau Gertraude und ich, das vor rund 30 Jahren mit Erfolg getan haben, als es den jetzt so berühmten Donau-Radweg überhaupt noch nicht gab und wir uns mit unseren schwerbepackten Rädern über die zuweilen sehr anstrengenden, aber wunderbar naturverbundenen Treidelpfade entlang der Donau von Passau nach Wien relativ tourismusfrei „durchkämpfen“ konnten.

Fragen über Fragen also. Wie beantwortet man die besser als durch persönliche Inaugenscheinnahme vor Ort? Es ist ja ohnehin mein journalistisches Markenzeichen, dass ich grundsätzlich nur über eigene Erfahrungen berichte, nie Vorgefertigtes referiere. Eine weitere Überzeugung von mir ist es, dass es eigentlich keinen „Zufall“ gibt, höchstens in dem Sinn, dass einem etwas zufällt. Denn genau in dem Moment, wo dieses ganz spezielle Interesse an den Masuren immer mehr und mehr in mir gewachsen war, kommt mir dieser berühmte „Zufall“ zu Hilfe. Ich registriere nämlich, dass DNV-Touristik in Kornwestheim, wohl der führende deutsche Masuren-Reiseveranstalter, eine kombinierte Rad-Schiffsreise anbietet. Wahnsinn. Genau meine beiden absolut dominierenden Hobbys, die Fortbewegung per Rad und auf dem Wasser, ob mit Kajak, Hausboot oder Schiff. Und beides als Kombination. Und ausgerechnet in den Masuren! Es dauerte wohl nur wenige Sekunden, bis die Entscheidung gefallen war: Auf in die Masuren.

Wir, Gertraude und ich, wählen als Alternative zum sich anbietenden Flug den eher „umständlichen“ Weg und fahren mit dem Berlin-Warschau-Express in die polnische Hauptstadt. Weil auch die Fortbewegung mit dem Zug zu meinen Passionen gehört. Weil es kaum eine intensivere Form gibt, schon auf der Anreise Land und Leute kennenzulernen. Natürlich auch keine ökologischere. Die Impressionen von dieser Fahrt mit dem Berlin-Warschau-Express, insbesondere aber über das mehrtägige „Warming up“ im überraschend faszinierenden Warschau sowie auch über den sich daran anschließenden Masuren-Transfer habe ich zwar auch skizziert, würde damit den Rahmen dieses Masuren-Porträts wohl sprengen. Sollten Sie daran interessiert sein, so können Sie diese Impressionen gern direkt vom Autor oder auch bei DNV abrufen.

Um nun aber den Brückenschlag vom Masuren-Transfer zum ersten Eindruck von unserem neuen Domizil, der Classic Lady, vorzunehmen, Sie atmosphärisch mitzunehmen und zugleich einzustimmen, erlauben Sie mir, das eigentliche Porträt mit dem letzen Absatz aus den Impressionen vom Masuren-Transfer zu beginnen:

„Die Bustüren öffnen sich und wir sind gespannt wie der berühmte Flitzebogen. Wir sind in Piaski, unweit Ruciane Nida. Trotz der vergleichsweise langen Anfahrt doch irgendwie ganz plötzlich. Stehen mitten im Radler-Resort. Und direkt vor uns, am langgezogenen Landungssteg im Jezioro Beldany, dem Beldahn-See, in der Rangliste der schönsten masurischen Seen ganz oben stehend, liegt es, unser 45 Meter langes Zuhause für die nächste Woche: Die Classic Lady. Schön sieht sie aus, anmutig sogar. Ob sich nun die gebündelten Erwartungen, die große Vorfreude, alle Hoffnungen auf ein ganz besonderes Erlebnis in der Masurischen Seenplatte, in dem Land ohne Eile, erfüllen werden? Ob die Radtouren so schön und ereignisreich sein werden wie prospektiert und von uns erhofft? Ob die Classic Lady das Zuhause sein wird, dem wir am Abend freudig wegen der dann bereits mit ihr gemachten guten Erfahrungen zustreben? Oder werden alle diese so hoch gesteckten Erwartungen wie Seifenblassen zerplatzen? Schaun wir mal. Das Porträt über den kombinierten Fahrrad-Schiffsurlaub in der masurischen Seenplatte wird es erweisen.

Es regnet immer noch in Strömen, wie schon während der ganzen Fahrt von Warschau nach Piaski. Natürlich können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass das der erste, aber auch einzige Regentag gewesen sein wird. Dass uns während der nächsten 14 Tage traumhaft schönes Wetter begleiten und der Himmel seine Schleusen erst wieder ganz stilvoll während des Rückreise-Transfers öffnen wird. (14 Tage deshalb, weil wir nach der Woche auf der Classic Lady noch eine weitere im Fahrrad-Resort verbringen und natürlich auch darüber berichten werden.).

Trotz des Regens, der alles grau in grau färbt, verbreitet unser neues schwimmendes Domizil Licht und Glanz. Liebe auf den ersten Blick nennt man das wohl. Sie hat genau das, was man einer echten Lady zuschreibt. Eine besondere Ausstrahlung, Eleganz, einen guten Schuss Exotik und Erotik, Klasse eben. In Danzig in Form von Fertigteilen gezeugt, wurde sie in den Masuren, in Mikołajki, zusammengeschweißt und verwöhnt nun seit 2004 alle, die bereit sind, eine intensive emotionale Beziehung zu ihr einzugehen. Und das macht sie einem sehr leicht. Vielleicht der einzige Makel an einer echten Lady. Aber ein sehr touristenfreundlicher. Soweit ich das erlebe, sind alle neuen Lebensgefährten der Lady auf Zeit von ihr angetan, ja begeistert. Nicht nur auf den ersten, sondern auch noch auf den zweiten und dritten Blick.

Unser neues Schlafzimmer, die Kajüte ist - wie wohl auf den meisten Flusskreuzfahrtschiffen - vergleichsweise klein, verbreitet keinen Luxus-Appeal, ist aber absolut funktional. Die Chronistenpflicht gebietet es allerdings darauf hinzuweisen, dass als einziger Makel die Matratzen nicht mehr unbedingt das erfüllten, was man von ihnen erwartet, nämlich ein komfortables Ruhelager zu sein. Der Veranstalter DNV hat mir allerdings versichert, dass das Erneuern der Matratzen bereits zu diesem Zeitpunkt auf der Agenda stand. Dafür erfüllt das kleine „Badezimmer“ alle Ansprüche. Auch die der Lady, die sich für einen der täglich wiederkehrenden Höhepunkte, das Diner, hübsch machen will.

Denn das Diner ist wirklich der gesellschaftliche Höhepunkt des Tages. Dazu trägt das Restaurant mit den großen Fenstern und der Dachverglasung bei, auch der rundum perfekte, immer sehr persönliche Service unter der Obhut des ach so liebenswerten „Stasiek“, unterstützt von Łukasz und Mariusz, alle zugleich auch in Personalunion die Schiffs-Mechaniker. Dennoch hat der Schlüssel für das Außergewöhnliche daran einen anderen Namen. Der heißt nämlich Henryk Jurowski und ist der Schiffskoch. Nicht irgendein Schiffskoch. Sondern einer, der auch noch Jahre oder sogar Jahrzehnte nach der Reise mit der Classic Lady der Kristallisationspunkt der Erinnerungen bleiben wird. Allein schon deshalb, weil er in einer Art, die an Siegfried Lenz´ Suleyken erinnert, jeden Abend sein Menü persönlich vorstellt und allein schon dadurch die Geschmackspapillen in ganz besondere Hab-Acht-Stellung versetzt. Dass jedes, wirklich jedes Abendessen zum kulinarischen Fest und Höhepunkt des Tags wird, dafür gibt es viele Gründe.

Zum einen ist der 51-jährige Henryk durch eine gründliche und hervorragende Schule gegangen. Ich komme gleich darauf zurück. Zum anderen gilt die polnische, ganz besonders die masurische Küche, als hochinteressante Kombination der polnischen, der deutschen und der russischen Kochkunst. Was bei dieser Völkerverständigung der besondern Art herauskommt, ist höchst beeindruckend, äußerst schmackhaft und eben auch wegen dieser Eigenständigkeit unvergesslich. Immer dominiert von frischen Produkten aus der Region, die Henryk in der Regel sogar selbst angelt oder pflückt und verarbeitet. Alles, aber auch alles industriell Vorgefertigte findet seine Gnade nicht.

Für mich als passionierten Suppenliebhaber beginnt das Menü immer gleich mit einem Höhepunkt, genau genommen sogar zweien. Weil jeden Abend zwei unfassbar geschmackvolle Suppen bereitstehen. Eigentlich kein Wunder. Ist Polen doch das Land der Suppen. Früher war die Suppe das Hauptgericht in Polen, Fleisch und Kuchen gab es nur sonntags oder wenn Besuch kam. So ist Polen auch heute noch die suppenfreundlichste Nation der Welt mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 90 Litern pro Jahr. Ob das die legendäre saure Mehlsuppe ist, die Sauerampfer-, Brennnessel-, Sauerkraut-, Gurken-, Erbsen- oder Linsensuppe mit Backpflaumen oder die rote Borschtsch-Suppe, eine besondere Spezialität von Henryk. Oder die Königsberger Kuttelfleischsuppe mit Ingwer. Um nur einige zu nennen.

Als Hauptgang darf natürlich das polnische Nationalgericht Bigos nicht fehlen. Bei Hendryk in der Version mit Sauerkraut, Weißkohl, Pilzen, Fleisch und Wurst. Ansonsten kommt als Hauptgang alles auf den Tisch, was die einheimische Flora und Fauna zu bieten haben. Allerlei Geflügel, Wild, natürlich die 30 Fischarten aus den masurischen Seen wie die edelste unten ihnen, die Maräne aus der Lachsfamilie, sowie Hecht, Brasse, Schleie, Renke, Aal, Zander, um nur einige zu nennen.  Königsberger Klopse natürlich. Oder auch Schweinerücken mit Pflaumen und Lebkuchensoße á la Henryk. Als Beilagen reicht er Grütze, Klöße, Kartoffeln, Nudeln. Immer gilt Henryks Küchencredo: Selbstgemacht! Beschlossen wird die tägliche Genusstour durch die in der Henryk´schen Prägung durchaus überragend zu nennende masurisch-polnische Kochkunst mit Palatschinken, Grießflammerie, Mohnstriezel, natürlich wie alle anderen Kuchen von Hendryk selbst gebacken, und vieles andere mehr.

Kein Wunder, dass die Classic Lady jährlich auch Treffpunkt vieler Feinschmecker ist, denen Henryk dann im Rahmen einer Schlemmerreise täglich ein sechsgängiges Feinschmeckermenü offeriert. Und je nach Schwerpunkt, ob Geflügel Fisch oder Wild, wird das dann alles auf großen, zum Thema des Hauptgerichts passenden hölzernen Motivtafeln  festlich serviert, die von dem Tausendsassa Henryk auch noch in großer künstlerischer Manier unglaublich perfekt geschnitzt sind.

Kunst kommt bekanntlich nicht von wollen, sondern von Können. Folgerichtig verfügt Henryk über eine vergleichsweise exzellente Ausbildung und sehr vielfältige Erfahrungen. Darf sich offiziell Meisterkoch und Meisterkellner nennen. Hat im besten Hotel der Masuren in der Hauptstadt der Woiwodschaft Ermland-Masuren Olsztyn (Allenstein) die klassische masurische Küche gelernt. Dann in einer sozialistischen VIP-Anlage die Ministerpräsidenten des gesamten Ostblocks verwöhnt und Köche ausgebildet. Die internationale Küche in Meckenbeuren-Tettnang am Bodensee und in Italien kennengelernt. Zum großen Glück für alle, die die Masuren (unter anderem) vom Schiff aus kennenlernen wollen, führte ihn sein Weg dann später seit deren Stapellauf auf „unsere“ Classic Lady. Absolviert jetzt bereits seine sechste Saison. Und bleibt dabei unverrückbar seiner Linie treu: Das Schaffen einer familiären Atmosphäre, mit einer Küche, wie sie für die traditionelle Küche in Ostpreußen üblich war und ist. Für die sogenannte neue Küche in den Hotels hat er nicht so sehr viel übrig, da werde viel zu viel aus Dosen gekocht. Für ihn ein völlig abstruser Gedanke. Besonders stolz präsentiert er mir das Diplom, das nachweist, dass er in diesem Jahr am Liceum - so ganz nebenbei - sein Abitur gemacht hat. Mit 51.

Ich weiß, das klingt fast schon ein wenig nach „Heldenverehrung“, dass ich gleich am Anfang dieses Porträts eine einzelne Person so intensiv herausgreife. Andererseits würde ich die Chronistenpflicht verletzen, würde ich diese erfreuliche Dominante eines wichtigen Teils der Reise, nämlich des Lebens mit und auf der Classic Lady, nicht auch entsprechend, weil hochverdient, würdigen.

Kommen wir übergangslos zum zweiten Schwerpunkt der kombinierten Rad-Schiffsreise. Dem Radfahren. Aus gegebenem Anlass bietet sich auch in diesem Fall eine genauere Beschreibung des Vehikels an, das ähnlich wie die Classic Lady entscheidenden Anteil haben wird in der nächsten Zeit, ob dieser Urlaub der besonderen Art als Genusstour oder Tortur in die persönlichen Annalen eingehen wird. Dafür, dass Ersteres wohl nach dem Urteil aller Reiseteilnehmer/innen der Fall ist, gibt es einen besonderen Grund. Die Räder, die DNV zur Verfügung stellt, sind ausgewachsene Wolpertinger. Für die Nicht-Bajuwaren: Ein Fabelwesen mit quasi unendlicher Ausstattung und entsprechenden Fähigkeiten. So sind die Räder Tausendsassas. Was auch nötig ist für die Pisten in den Masuren. Es gibt hier noch keine vom ADFC ausgezeichneten Fünf-Sterne-Routen wie zum Beispiel den Main-Radweg in Deutschland. Ansonsten gibt es aber nichts, was es nicht gibt. Wunderschöne, frisch geteerte, stille Straßen durch endlose Wälder oder entlang uralter Eichenalleen, am oberen Ende Seite der Genuss- und Entspannungsskala. Viele landschaftlich wunderschöne Wege mit unterschiedlicher Qualität führen an den vielen masurischen Seen entlang. Immer mit idyllischen kleinen Rast- und Badeplätzen, die - zumindest außerhalb der polnischen Schulferien - garantiert nur Ihnen gehören. Und auf der anderen Seite der Entspannungsskala gibt es auch Sandwege mit tiefem Sand oder in der festgefahrenen Form als „Wellblechpiste“, der es sich wohl als einzigen Lebenszweck zur Aufgabe gemacht hat, dem Radler das Fortkommen zu erschweren und - allerdings weitgehend ohne jeden Erfolg - den Urlaubsgenuss zu minimieren. Zwischen beiden Extremen ist jede denkbare Variante zu verzeichnen.

Genau dafür bedarf es eben des multifunktionalen Wolpertingers. Einem Fahrrad für alle Fälle. Das auch verantwortlich zeichnet dafür, dass noch so grimmig gestimmte Sandpisten die Urlaubsfreude nicht mindern können. Einer gelungenen Mischung aus gutmütigem Kaltblüter und sportlichem, aber dennoch geländegängigem Warmblüter. Dafür haben die DNV´ler ein Rad mit einem extrem stabilen Rahmen entwickelt, der natürlich auch dem entsprechenden Gewicht seinen (durchaus zumutbaren) Tribut zollt. Dafür finden ja alles Fahrten ohne zusätzlichen Gepäck-Ballast statt. Die dickeren Reifen sorgen für ein problemloses Abrollen auch in dem beschriebenen schwierigen Gelände. Und last, but not least ermöglicht die absolut zuverlässige und höchst einfach zu bedienende Sieben-Gang-Nabenschaltung das gleichermaßen relativ sportive Gleiten wie auch das Überwinden der masurischen Hügel als Fels gewordene Erinnerung an den Baltischen Höhenrücken. Wenngleich ein noch etwas kleiner untersetzter erster Gang dem Wunsch vieler nicht so trainierter Pedaleure entspräche. Auf jeden Fall können die zur Verfügung gestellten Premium-Räder, zusammen mit der Classic Lady sowieso, mit vor Stolz geschwellter Brust verkünden, dass sie alle Voraussetzungen erfüllt haben, den Masuren-Urlaub zum vollen Erfolg werden zu lassen. Stimmt. Stimmt sogar uneingeschränkt.

Nachdem Sie nun das wahrhaft opulente und tiefentspannte Leben auf unserem schwimmenden Hotel und Restaurant „Classic Lady“ sowie das treue Gefährt für die täglichen Erkundungen kennengelernt haben, verbleibt für dieses Reiseporträt eine letzte „kleine“ Aufgabe: Das Kennenlernen des „Masurchen“ selbst, wie es die Masuren mit dem Hang zur liebevollen Verkleinerungsform vermutlich nennen würden. Machen wir es uns im nächsten Teil dieses Reiseporträts auf, dieses Land der „dunklen Wälder und kristallenen Seen“ zu erkunden. Kommen Sie mit?

Selbst wenn dieses Porträt erklärtermaßen auf eine präzise Chronologie verzichten wird, so bietet es sich natürlich dramaturgisch an, das Erkunden der Masuren zumindest exemplarisch an einigen Erlebnissen der Rundfahrt festzumachen. Packen wir´s an?

Mindestens vier Eindrücke sind es, die uns an jedem der vor uns stehenden Reisetage außer dem Fahrrad und der Classic Lady begleiten werden. Das ist zum einen die beeindruckende, zu Herzen gehende, weil so herzliche Gastfreundschaft der Masuren selbst. In den rund drei Wochen, die wir (Warschau eingeschlossen) unterwegs waren, haben wir ausschließlich angenehme, wunderschöne Begegnungen mit Land und Leuten gehabt. Und keine Sprachbarriere konnte das stören. Ganz im Gegenteil. Als wir zum Beispiel mit dem Rad ein Stück vom rechten Weg abgekommen waren und eine Bauernfamilie, die gerade im Garten beim Tafeln war, nach diesem fragten, hatten wir überhaupt keine andere Chance, als die Einladung zum Essen anzunehmen. Und es fiel richtig schwer, anschließend überhaupt wieder „entlassen“ zu werden. Wunderschön, zu Herzen gehend, ganz entscheidend dazu beitragend, dass sich die Masuren tief in unser Herz eingenistet haben.

Daneben waren es vielen alten Holzhäuser, die wir beim Durchradeln in fast jedem Ort bewunderten, oft mit schönen Schnitzereien versehen, oft mit romantischen Vorbauten, jedes Haus auf seine Art ein beeindruckendes Unikat. Eingebunden in ein entsprechend malerisches Ensemble des gesamten Ortes. In diesen Dörfern fühlt man sich in längst vergangen Zeiten zurückversetzt. Nicht etwa in ein museales  Freilicht-Dorf, sondern in ein lebendiges Gemeinwesen, allerdings viele Generationen zurückliegend. Und noch irgendwie heil. Entschuldigung, wenn das jetzt ein wenig sentimental klingt. Realität darf eben auch einmal so sein, als würde man sie sich erträumen. Und wie zur Abrundung dieses Traumbildes luden an vielen Straßenkreuzungen die vielen, immer unterschiedlichen Wegekreuze, immer mit bunten Bändern geschmückt, zum Verweilen (und Fotografieren) ein.

Selbst Ihnen als Nicht-Masur wird vermutlich jetzt auffallen, dass ich ein weiteres, sich wirklich unablässig wiederholendes Erlebnis bisher unterschlagen habe. Stimmt! Es ist die unendliche Anzahl von ungewöhnlich voluminös wirkenden Storchennestern. Die bauen ihr Haus wohl mit besonderer Liebe. In Sachsen-Anhalt, wo sich Deutschlands storchenreichste Orte befinden, haben wir in Düsedau, das von sich sagt, dass es keine Sau kennt, ein Storchenpaar kennengelernt, die sich immer mit wenigen dürren Zweiglein als Wohnung begnügten. Wohl Puristen unter den Störchen. Leider waren zu dieser Jahreszeit, Anfang September, diese, den masurischen Storchenwohlstand signalisierenden Komfort-Behausungen bereits verlassen. Schade, jammerschade. Weil jeder vierte Storch auf der Welt nämlich Pole ist und insofern Polen zum storchenreichsten Land der Erde erhebt. Man schätzt die Zahl auf 41.000 Paare. Und die Hälfte davon bevorzugt das storchenfreundliche Masuren mit seiner oft genug noch unberührten Natur und entsprechender Nahrungsvielfalt. Den diesbezüglichen „Rekord“ hält wohl der kleine Ort Zywoko (Schewecken) nahe der russischen Grenze: Auf ein Dutzend Häuser kommen hier 42 Storchennester. Behelfen wir uns wegen der leeren Nester, mit denen wir vorlieb nehmen müssen,  wieder mit einem Auszug aus dem Tagebuch der Gräfin Dönhoff: „Zur Erntezeit im Sommer folgen manchmal dreißig, vierzig Störche einer einzelnen Mähmaschine und vertilgen die aufgescheuchten Amphibien.“ Für Masuren-Interessierte ist natürlich auch der direkt darauf folgende Satz von hohem Nachrichtenwert: „Wir reiten an trägen Flussläufen entlang und bestaunen das Werk der Biber“. Dieses Glück hatten wir allerdings mit unseren Stahlrössern nicht.

So, nach diesen masurischen Impressionen werde ich zur Abwechslung doch einmal für einige Zeit in den Tagebuch-Modus übergehen. Weil sich das an dieser Stelle aus dramaturgischen Gründen lohnt, zumindest den ersten Urlaubstag auf den Fahrrädern exemplarisch ein wenig näher zu beleuchten. Nach der ersten Nacht auf dem schwimmenden Hotel stand nämlich sofort einer der ganz besonderen im Konzert der fast unzähligen masurischen landschaftlichen Höhepunkte auf dem Programm: Puszcza Piska, die Johannisburger Heide. Mit über 1.000  km² das größte Waldgebiet der Masuren, eingeschlossen Flachmoore, Sümpfe und Moraste. Mit beeindruckender Fauna übrigens. Für die Statistiker unter Ihnen: Ca. 5.400 Hirsche, 4.600 Rehe, 1.050 Wildschweine, 12 Elche, 20 Wölfe, 4 Luchse, 1.750 Nerze, 100 Biberkolonien, 900 Fischotter!

Doch - wie gerade angekündigt – diesmal der Reihe nach. Eine kurze Wegstrecke von der Classic Lady, einen ersten Vorgeschmack von der der Johannisburger Heide bekommend, überqueren die kleine, eher lieblich zu nennende Guschiener Schleuse, die „unseren Beldahn-See mit dem gut 20 km langen  Jezioro Nidzkie, dem Niedersee, verbindet. Neben dem Beldahn-See einer der Perlen der Masuren. Aus gutem Grund ist auf ihm deshalb jeder motorisierte Boots- und Schiffsverkehr verboten. Kurz hinter der Schleuse passieren wir das erste Mal Ruciane-Nida, das uns in den nächsten zwei Wochen des Öfteren als „Einkaufs- und Einkehrzentrum“ zur Verfügung stehen wird. Eines der Tourismuszentren in den Masuren, mit vielen einladenden Restaurants.

Apropos Tourismus. Jetzt, Anfang September, herrscht hier fast schon paradiesische Ruhe. Von erkennbarem Tourismus kann kaum noch die Rede sein. Die polnischen Sommerferien sind gerade zu Ende, in der sich jeweils ein großer Teil der 38 Millionen Polen in Bewegung setzen soll, um die traumhafte Schönheit der Masuren inklusive des Paddelns auf der glasklaren Kruttinna als Urlaubshighlight zu erleben. Die Berichte darüber, die ich lese, klingen nicht unbedingt so, als ob ich das unbedingt erleben müsste. Sie erinnern sich noch an die nun schon weit zurückliegende Einleitung zu diesem Masuren-Porträt? Die Frage nach der Entwicklung des Massentourismus. Zumindest in diesem polnischen Sommer ist er wohl längst angekommen. Und nur wenige Tage später, nach unserer Ankunft, ist er so weit entfernt, als hätte es ihn nie gegeben. Obwohl gerade der September als der ideale und schönste Urlaubsmonat in den Masuren apostrophiert wird. Genau, wie wir das erleben, herrscht in dieser Zeit herrliches, trockenes Sommerwetter, die Seen sind noch warm, der Altweibersommer färbt das Laub bereits goldgelb. Irgendwie erscheint uns das alles wie eine besondere Umschreibung des Wortes „Glück“.

Nach Ruciane Nida nimmt uns nun die Johannisberger Heide ganz in ihren Besitz und Bann. Der stetige Wechsel von dunklen Kiefern- mit urwüchsigen Laubwäldern mit zum Teil uralten Bäumen, reichen Pilz- und Beerenvorkommen, den vielen Seen, Wasserläufen und Heidelandschaften, mit der artenreichen Flora und Fauna ist sie ein Paradies für Wanderer, Paddler (ich komme darauf zurück) und natürlich für Radfahrer. Als masurischer Landschaftspark besonders geschützt. Der Weg durch den Wald wechselt sich ab mit den schon skizzierte, oft genug malerischen kleinen Orten und führt uns zu der Stadt, die der Heide ihren Namen gegeben hat, Pisc, Johannisburg, Mit 16.00 Einwohnern. Vorbei am sehenswerten Marktplatz mit dem Rathaus streben wir schnurstracks der Schleuse Karwick zu, die wir nach weiteren zehn Kilometern erreichen. Je nach gewählter Route mit oder ohne Umrundung des Niedersees haben wir diese entweder nach beeindruckenden 62 oder nach schlappen 35 Kilometern erreicht.

In der Regel liegen die Tagesetappen um die 50 km. Keine reine Wellnessfahrt also, aber für jede und jeden dieser Reise machbar. Ein weiteres Positivum unseres schwimmenden Domizils: Wer einmal nach vielleicht zu anstrengender Etappe einen Ruhetag haben möchte, bleibt einfach auf der Classic Lady, macht eine kleine Kreuzfahrt auf den masurischen Seen und begrüßt am Abend die zurückkommenden müden, aber dennoch oder gerade wegen des Geleisteten und Erlebten glücklichen „Krieger“. Nach dem Vorbild von dem Hasen und dem Igel.

Apropos Classic Lady: Unter anderem lohnt es sich genau aus diesem Grund, diesen ersten Tag exemplarisch zu referieren. Denn mit den minimal 35 km ist der Reisetag längst nicht zu Ende. Die  Schleuse Karwick öffnet ihre Tore auf ihrer nördlichen Seite nämlich in den Jezioro Śniardwy, den Spierdingsee. Mit 113,8 km² mit Abstand der größter See Masurens und Polens. Das masurische Meer. Schon bald sehen wir am Horizont die Silhouette der der Classic Lady auf dem Spirdingsee auftauchen. Die charmante Lady lässt es sich nämlich nicht nehmen, uns über einen kleinen Stichkanal an der Schleuse abzuholen, um uns zu der ersten „Kreuzfahrt“ dieser Woche einzuladen.

 Das ist ja gerade das Tolle an dieser kombinierten Rad-Schiffsreise, dass die Classic Lady nicht nur als komfortables Hotel mit First-Class-Restaurant dient, sondern sich tagsüber als wundervolles „Transportmittel“ auf den masurischen Seen und Kanälen anbietet. Rad und Schiff, das ist ganz zweifellos die ideale Kombination, um die Masuren mit ihrem Wald-, Wasser- und Kulturreichtum erobern zu können. Und nicht zuletzt dient das bauartgemäß riesige Oberdeck der Classic Lady, von keiner Kapitänsbrücke gestört, als wunderbarer Aussichtsplatz zum Genießen und Träumen genauso wie als der ideale Kommunikationstreffpunkt der drei Reisgesellschaften. Ich erkläre gleich, wie es zu der Zahl drei kommt. Nur in den masurischen Kanälen, die viele Seen miteinander verbinden, wird dieser Friede auf Deck empfindlich gestört. Da muss nämlich zuweilen die schon perfekt dafür vorbereitete Reling heruntergeklappt werden. Weil dann die jeweils folgende Brückendurchfahrt Zentimeterarbeit ist. Spannend.

Vorbei an großen Schilfflächen kreuzen wir entlang des südwestlichen Ufers des masurischen Meeres, erreichen den Jeziro Mikołaiskie, den Nikolaiker See, bis rechter Hand Kirch- und andere Türme verraten, dass wir uns etwas Größerem nähern. In der Tat: Unsere Tagesetappe ist erreicht: Nikolaiken, Mikołajki auf polnisch. Jeder, der sich für die Masuren interessiert, wird diesen klangvollen Namen früher oder später hören. Das touristische Zentrum der Masuren. Und auch außerhalb der Saison lässt sich an der sich schier endlos aneinanderreihenden Kette von Restaurants und Bars, aber auch an dem riesigen, aber dennoch schönen Yachthafen ablesen, welche Bedeutung dieses Städtchen für den Tourismus haben muss. Warum es aber als das „Venedig der Masuren“ apostrophiert wird, bleibt zumindest mir schleierhaft, wenngleich Nikolaiken in durchaus idyllisch zu nennender Lage zwischen Talter Gewässer und Nikolaiker See entsprechend wasserumspült ist. Wahrscheinlich bezieht sich diese Metapher eher auf den venezianischen Tourismuszulauf. Den man hier sogar September noch - in Maßen – spüren und erahnen kann.

Sei es, wie es sei. Die vornehme Classic Lady sucht sich natürlich einen sehr stilvollen, sehr ruhig gelegenen Anlegeplatz abseits jeglichen Touristenrummels. Und bald hat Henryk seinen großen Auftritt. Die Erwartung an seine Kochkunst ist mittlerweile schon sehr gewachsen, dennoch kann er sie wiederum toppen. Und nach dem opulenten Mahl, für die Hälfte der Reisenden mit der Sitzposition auf der richtigen Seite der Classic Lady mit schönem Blick auf Nikolaiken, haben zwei weitere Herren ihren großen Auftritt. Die muss ich Ihnen unbedingt noch vorstellen. Weil sie neben der Classic Lady mit Henryk und Stasiek zu den „Figuren“ gehören, die von Anfang bis Ende für das Gelingen dieser Urlaubsübung zuständig sind. Die beiden Reiseleiter Andrzej und Włodek. Ich sprach gerade von drei Gruppen. Sie ahnen die Auflösung dieser Quizfrage: Zwei Gruppen à 15 Personen sind den beiden Polen-Experten zugeordnet, die restlichen acht Personen sind die „Individualisten“. Zu denen wir auch gehören. Weil wir das einfach mögen. Im Urlaub und darüber hinaus. Alles im Leben hat seinen Preis. Individualität allemal. Uns entgeht dabei nicht nur, dass wir und den richtigen Weg durch die verschlungenen Pfade der Masuren nicht selbst suchen müssen (was sich aber bis auf die erwähnte Ausnahme nie als Problem erwiesen hat, weil das von DNV bereitgestellte Begleitmaterial in aller Regel gleichermaßen präzise wie informativ ist), uns entgeht natürlich auch - mehr oder weniger - die Sachkunde der beiden, die den Masuren-Urlaub zu einer hautnahen und lebendigen Erkundung von Land und Leuten machen. Weil wir uns aber immer wieder einmal diesen Führungen an exponierten Stellen anschließen, wissen wir, dass die beiden intimen Polen- und Masurenkenner das phantastisch machen. Die entsprechende Rückmeldung und das Gefühl des Sehr-gut-Aufgehoben-Seins sind wohl bei allen Gruppenteilnehmern unisono vorhanden.

Ich sprach vom großen Auftritt dieser beiden Herren. Gerade wir Individualisten dürfen uns nämlich an jedem Abend neu darüber amüsieren, wie die beiden im Anschluss an Henryks Menü im sportlichen Wettstreit jeweils ihre Gruppe als den Mittelpunkt des Universums stilisieren. Und das mit vielen Anekdoten und Informationen über die Masuren verbinden. Wir haben immer viel Spaß dabei. Weil Suleyken und Hamilkar Schaß jedes Mal grüßen lassen.

Der nächste Tag beginnt genauso so komfortabel und bequem, wie der vorherige endete: Kapitän Tomek bringt uns mit seiner Classic Lady durch das Talter Gewässer nach Rhein, polnisch Rhyn. Was mir die Gelegenheit gibt, eine weitere, ob ihrer verantwortungsvollen Position besonders wichtigen Figur dieser masurischen Geschichte vorzustellen, die sich der wegen ihres überwiegenden Aufenthaltsorts auf der aus der skizzierten Begründung ungewöhnlich tief liegenden „Steuerbrücke“, aber auch wegen ihres ohnehin sehr zurückhaltenden Wesens ansonsten nie in den Vordergrund drängt. In der dritten Saison dirigiert Tomek jetzt als Kapitän die Classic Lady mit ihren zwei Dieselmotoren mit je 120 PS und den 21 Kajüten für max. 46 Gäste.

So, liebe Leserin, lieber Leser, damit verlasse ich das Stilmittel der chronologisch und detailliert orientierten Tagebuchaufzeichnung ganz schnell wieder und skizziere zumindest den Teil bis zur Rückkehr in Piaski, also den „Rest“ der ersten Woche, im verschärften Zeitraffer. Weil ich ansonsten vielleicht doch Gefahr laufe, Ihre Geduld zu überfordern. Und weil ich ja möchte, dass dieses Reiseporträt Ihnen den Impuls gibt, einmal höchst selbst auf seinen Spuren zu wandeln bzw. zu radeln. Und insofern auch noch ein wenig Entdecker-Neugier übrigbleiben sollte. Ich hoffe, mit ein wenig Phantasie, die ja gerade diese Reisebeschreibung wecken soll und will, können Sie sich jetzt bei geschlossenen Augen ohnehin schon sehr präzise in die Masuren und den Rad-Schiffsurlaub dort hineinversetzen. Oder?

Also Zeitraffer: Ankunft mit der Classic Lady in der Kleinstadt und ehemaligen Ordensburg Rhyn, (Rhein). Dann wieder per Pedale nach Ketrzyn (Rastenburg), am baltischen Jakobsweg gelegen, mit der dominierenden, ursprünglich gotischen Burg und der direkt in die Stadtmauer integrierten mächtigen St. Georgskirche. Der zweite Teil des Tages, an dieser geschichtsträchtigen Stelle gleichermaßen obligatorisch wie nach wie vor aufwühlend, ist der Besuch von Hitlers Hauptquartier Wolfsschanze. Ich erspare Ihnen und mir vertiefende Beschreibungen. Weil im Leben bekanntlich alles nach einem Ausgleich sucht (wiewohl viel zu oft ohne Erfolg) „entschädigt“ die „Nachhause“-Fahrt mit einer besonders schönen und eindrucksvollen Filetstrecke durch dichten Wald und riesige Heidegebiete (und tiefen Sand) bis zum malerischen Doben See mit genauso malerischer Bade- und Raststelle mit Ziegenbegleitung. Ein wahrer Seen-Panorama-Weg führt dann immer entlang des riesigen Kissain-Sees, bevor die versteckte Liegestelle der Classic Lady unweit von Gizycko (Lötzen) gesucht und gefunden wird. Es ist der idyllischste Liegeplatz der Reise, direkt im Schilf im Löwenthin-See gelegen. Lötzen, die für masurische Verhältnisse mit 30.000 Einwohnern große Stadt, die am nächsten Tag ausgiebig erkundet wird, verdient auch im Zeitraffermodus eine besondere Erwähnung. Wegen der immer noch noch von Hand gesteuerten, mehr als 150 Tonnen schweren und mehr als 150 Jahre alten Drehbrücke über dem Lötzener Kanal, der die beiden zuletzt erwähnten Seen miteinander verbindet. Wegen der mächtigen Festung Boyen die einmal die Ostgrenze des deutschen Reiches schützen sollte. (Dass ich das „d“ in diesem Fall kleinschreibe, ist nicht meiner mangelnden orthographischen Fähigkeit geschuldet). Wegen der nach den Plänen von Schinkel erbauten evangelischen Kirche. Wegen des großen Hafens mit der weißen Flotte der Masuren. Aber auch wegen des imposanten Backstein-Wasserturms von 1900, von dessen Aussichtsplattform das eben Beschriebene, insbesondere die herrliche Lage zwischen den beiden großen Seen, am besten und beeindruckendsten visualisiert werden kann.

Neben der Besichtigung von Lötzen ist dieser Tag aber auch der der Fahrt zum - wen wird es jetzt noch wundern - wiederum wunderschönen, pittoresken Goldapgar See verbunden. Auch diesmal sind Schönes und Schauerliches eng miteinander verbunden. Unterwegs treffen wir im tiefen Wald versteckt den Himmler-Bunker, ein auch heute noch erschreckend gut erhaltener riesiger Betonklotz von ungeheuren und erschlagenden Ausmaßen. Andererseits gut, dass sich diese Spielart der jüngeren Geschichte nicht einfach auslöschen lässt, sondern als ständiges Mahnmal weiter wirkt.

Am Morgen der vierten Etappe nimmt uns unsere Classic Lady auf die nächste Kreuzfahrt mit. Über die Löwenthin-, Krösten-, Legiener- und Schmidtsdorfer Seen geht es, nun wieder mit heruntergeklappter Reling, in den Schmidtsdorfer Kanal, um an einer winzigen Anlegestelle wieder die Räder zu besteigen und über das nun schon bekannte Rhyn auf kleinen, schönen Nebenstraßen und Feldwegen in das uns bisher völlig unbekannte Sadry (Zondern) zu radeln. Das hat sich dann aber nachhaltig geändert.

Deshalb wieder einmal (und wohl zum letzen Mal in dieser ersten Woche) aus gegebenem Anlass eine kurze Unterbrechung des Zeitraffer-Modus`: Um es ein wenig theatralisch überspitzt zu übertreiben: Wer nicht in Sadry war, kennt auch die Masuren nicht. Das liegt an „Mariellchen“, mit bürgerlichem Namen Christel Dickty. Zusammen mit ihrem Mann Dytmar hat.“Mariellchen“ in diesem winzigen Ort eine gemütliche Drei-Sterne-Pension, vor allem aber mit viel Liebe ein hochinteressantes Heimatmuseum geschaffen, das den Betrachter mitnimmt in das ostpreußische Masuren. Chata Mazurska, das „Masurische Bauernhaus“. Das allein ist schon ein absolutes Highlight der Reise. Die wirkliche Attraktion ist aber „Mariellchen“ selbst. Sie scheint direkt aus den Buchseiten von Siegfried Lenz´ “Suleyken“ entstiegen zu sein. Kann in einer bestimmt halbstündigen Stehgreifrede alle Besucher für sich und die Masuren einnehmen, ja begeistern. Garniert das mit zum Teil wirklich deftigen Witzen. In der den Masuren eigenen Verniedlichungsform avanciere ich bei ihr zum „Schnurrbartmännchen“. Und in dem Mariellchen eigenen spezifischen und sehr direkten Humor schließt sie auch gleich die Frage an Gertraude an, ob der ausladende Bart denn nicht in manchen Lebenslagen stören würde. So sind sie eben, die Masurchen der Lenz´schen Prägung. Im Übrigen bekommt „Pfarrerchen“ auch noch sein Fett weg. Wenn sie mögen, schauen Sie sich mal unter www.christel.com.pl. die Bildergalerie an.

Wir genießen die Weiterfahrt nach Nikolaiken. Ca. 25 km immer am Talter Gewässer entlang. So dass es sich sogar lohnt, gleich an zwei unterschiedlichen stellen Rast und Einkehr zu verbinden. Beide wunderschön, beide sogar unvergesslich. Immer mit dem Ausblick auf das langgezogene Talter Gewässer. Bis uns jenseits von Nikolaiken am schon von der Hinfahrt bekannten Liegeplatz unsere jetzt schon so vertraute Classic Lady begrüßt. Heute ist Grillfest mit Masurischer Livemusik angesagt.

Während die beiden Gruppen und die anderen Individualreisenden am kommenden Tag den Lucknainer See mit seinem Höckerschwan-Reservat erkunden, um dann mit der Fähre über den heimischen Baldahn-See nach Popiellno und dort zum zoologischen Forschungszentrum zu fahren, wo die für die Masuren typischen Tarpane, einer Rückzüchtung der ausgestorbenen asiatischen Wildpferde, aber auch Biber gezüchtet werden. Wir genießen aber an diesem Tag einmal uneingeschränkt den Service und Komfort de Classic Lady und lassen uns von ihr direkt von Nikolaiken zurück in den Beldahn-See und zu unserer Ausgangsstation in Piaski bringen.

Die nächste, sechste Etappe ist – außer für uns – auch schon die letzte. Wahnsinn, wie diese Tage  gerast sind. Zunächst geht es zu dem noch in Betrieb befindlichen Philipponenkloster der russischen Altgläubigen in Wojnowo (Eckertsdorf). Weiter durch einen überaus idyllischen Waldweg durch zwei Naturreservate mit um die 350 Jahre alten Naturdenkmalen mit mehr als 5 m Umfang und über 30 m Höhe, immer entlang des romantischen Muckersees, geht es über Zgon (Hirschen) mit den  für die Masuren typischen Holzskulpturen zu dem Ort, der für die Masuren Namens- und Image gebend ist wie kaum ein anderer: Krutyn (Krutinnen). Hier fließt die Krutinna (Krutynia), vermutlich zu Recht als der schönste Fluss Polens beschrieben. Sogar als eine der schönsten Paddelstrecken Europas. Glasklares Wasser und das Mäandern durch oft genug urwaldähnliche Gebiete machen dieses Naturschauspiel in der Tat zu einem solchen Ausnahmeerlebnis, dass in der Saison wohl eine kaum noch unterbrochene Armada von Paddlern die 110 km lange Strecke zurücklegen. Jetzt ist davon keine Rede mehr, die Bootsverleiher und Boots-Staker warten geduldig auf die wenigen Kunden. Nur die Hunderte, wahrscheinlich eher Tausende von Kajaks, die in den umliegenden Höfen gestapelt sind, erzählend die Geschichte vom masurischen Sommer. Die beiden Gruppen lassen sich nun eine Stunde über die Krutinna staken, während Gertraude und ich uns das wirklich unglaublich intensive Erlebnis der „richtigen“ Kajaktour auf der Krutinna entspannt für die nächste Woche aufheben.

Außer für uns beide war es das auch schon. Mit einem Galaabend verabschieden sich Henryk, Tomek, Stasiek, Łukasz und Mariusz, Andrzej und Włodek und last, but not least, unsere geliebte Classic Lady. Ich verzichte an dieser Stelleden noch darauf, sich anbahnenden, wohl unvermeidlichen Trennungsschmerz zu schildern. Auch, weil es ja für uns noch - wenn auch ganz anders - weitergeht. Aber weitergeht in den jetzt auch schon so geliebten Masuren.

Während es für die beiden Gruppen und die restlichen „Individualisten“ früh am nächsten Morgen per Transfer-Bus oder eigenem PKW zurückgeht, ziehen wir einfach um. Von der Classic Lady in das Radler-Resort in Piaski.

Fortsetzung folgt!

 

Kontakt:
Volkmar Schwabe
Tel.: +49 (0)6665 13025
E-Mail: volkmar.schwabe@t-online.de

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