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Artikel
14. April 2010
Auf den Spuren von Heinz Erhardt auf dem Drau-Radweg
Kategorie: Herz-Kreislauf, Entspannung, Bewegungsapparat, Artikel

Von: Volkmar Schwabe

Es gibt – mindestens – drei gute Gründe dafür, warum einer, der sich seit mehr als einer Dekade als Wissenschaftsjournalist vornehmlich auf Themen rund um die Naturheilkunde und Komplementärmedizin spezialisiert hat, aufs Rad umsteigt. Und dann auch noch darüber schreibt.

Die erste Begründung dafür drängt sich in diesem thematischen Zusammenhang natürlich förmlich auf. Gibt es doch kaum eine Bewegungsart auf dieser Welt, die gleichermaßen gesund ist für Herz, Kreislauf, Seele und für alles andere, was an unserem Wohlergehen beteiligt ist. Und auch noch Spaß zuhauf bietet. Sofern es – wie alles im Leben – richtig dosiert und nicht übertrieben wird. Und dann ist diese spezifische Fortbewegungsart auch noch touristisch höchst effizient. Führt den Pedaleur überall dorthin führt, wo das (Urlaubs-)Leben lebenswert ist. Den sich dabei natürlich aufdrängenden Aspekt der Schonung unserer Umwelt lasse ich jetzt lieber weg, weil das so schrecklich nach hoch erhobenem Zeigefinger aussehen würde. Trotzdem wird es (nicht nur) Mutter Erde freudig erregen, dass derzeit der Radtourismus mit acht Prozent die höchsten jährlichen Steigerungsraten in der Fremdenverkehrsbranche hat.

Das wird mit Sicherheit 1958 noch nicht so gewesen sein, als Heinz Erhardt als Eierlikörfabrikant Fritz Eilers zusammen mit seinen beiden früheren Schulfreunden Hans-Joachim Kulenkampff, den eloquenten Filmschauspieler Ulrich Salandt verkörpernd, und dem puritanischen Gymnasiumprofessor, gespielt von Wolf Albach-Retty, ihren damaligen Abiturausflug entlang der Drau nach 25 Jahren als reife und höchst erfolgreiche Männer wiederholten. Auch wer zu dieser Zeit noch nicht zu den Zehnjährigen gehörte, wie ich das von mir konstatieren darf, dürfte diese kurzweilige Radtour entlang der Drau gern verfolgt und genossen haben. Sie merken es: Als eingefleischter Heinz-Erhardt-Fan war das Radeln auf Heinz Erhardts Spuren ein weiterer und sogar besonders schöner Grund für meine Entscheidung.

Auch der dritte Grund steht in engem Zusammenhang mit dem Ort des Geschehens. Kärnten, das Land der Berge und der Seen. Wo die Nähe zum Mittelmeer mit einem fast mediterranen Klima und ungewöhnlich vielen Sonnenstunden dafür sorgt, dass die Temperaturen schon im Mai viel höher sind, als anderswo in Österreich. Wo die Kärntner davon überzeugt sind, dass sogar die Wiesen grüner und die Seen wärmer und die Menschen deshalb besser gelaunt seien. Und – last, but not least – ist Kärnten auch das Land für Radfahrer. Nicht zuletzt wegen Kärntens Klassiker, dem Drauradweg, immer die Lebensader Kärntens begleitend, in die ausnahmslos alle Kärntner Flüsse münden. Einem der schönsten Radwege Europas für Genussradler, wie er sich selbst apostrophiert. In seiner gesamten Länge 366 km umfassend und dabei flussabwärts durch höchst beeindruckende, abwechslungsreiche Natur, von Toblach in Südtirol bis nach Maribor in Slowenien führend. Davon 266 km in Kärnten. In fünf bis zehn Tagesetappen genussvoll abzuradeln. Doch es gibt eine lebenskünstlerische Variante zum tagtäglichen Procedere des Packens und ständigen Wechseln der Unterkunft. Gerade im Land der vielen Radwege und Seen bietet sich als Alternative die Sternfahrt an. Der feste Standort, von dem aus tägliche Exkursionen in alle Himmelsrichtungen vorgenommen werden können. Und am Abend immer wieder dasselbe gemütliche Zimmer, dasselbe Bett ruft. Und das gemütliche Restaurant mit landestypischer Küche.

Schon ein erster Blick auf die Landkarte Kärntens fokussiert dann als dafür idealen Standort ganz schnell das historische Sachsenburg, malerisch eingebettet in die Drauschleife. Unweit des Schnittpunkts von Drau- und Glöckner-Mölltal-Radweg liegend, damit eingebunden ins Alpe-Adria-Radwegnetz. Idealer Ausgangspunkt zu den Radfahrten rund um den nahe gelegenen Millstädter sowie den Ossiacher See. Mit eigener Bahnstation. Mit allem, was des Radlers Herz begehrt.

Dazu gehört selbstverständlich auch eine für die spezifischen Bedürfnisse der Radfahrer ausgerichtete Unterkunft. Anders als bei einer einmaligen Übernachtung im Rahmen einer Etappenfahrt wachsen bei einem einwöchigen oder – von mir dringend empfohlen - sogar längeren Aufenthalt natürlich auch die entsprechenden Ansprüche. Gemütlich, praktisch, sauber, mit gutem Essen, radfahrerfreundlich natürlich, schön gelegen und trotzdem bezahlbar soll sie sein. Es gibt es, dieses multifunktionale Radfahrerrefugium. Wer über den pittoresken, natürlich ebenfalls historischen Marktplatz von Sachsenburg schlendert, der wird quasi zwangsläufig zum Gasthof zum „Goldenen Rössl“ geführt. Und fast jeder Radler, der dem Drauradweg folgt, wird – quasi wie magisch angezogen – seinen Radfahrerdurst mit einem Radler dort im Biergarten beim Drauwirt Penker löschen.

Wie ich - außer mit dem Blick auf die erwähnte Landkarte - dort hingekommen bin? Dann sollte ich jetzt wohl das Geheimnis lüften. Pedalo, der Organisator von Rad- und Wanderreise, mit dem ich ca. 15 Jahre vorher schon einmal sehr gute Erfahrungen mit einer Radtour durch die Toskana gemacht hatte, hat diesen Wolpertinger, diese „eierlegende Wollmilchsau“ aufgetan, die alle die oben genannten Erwartungen erfüllt. Und noch mehr. Selbst wenn dieses Reiseporträt der besonderen Art nun wirklich nicht zur platten Werbebroschüre verkommen lassen will, so gebietet es meines Erachtens die Chronistenpflicht darüber zu informieren, dass dieses einwöchige Radlervergnügen zu einem wirklich sensationellen Preis-Leistungsniveau stattfindet. Völlig zu Recht wird es deshalb von Pedalo als das „Glückskeks“ unter den Reisen plakatiert. Als hoffentlich einigermaßen solider Journalist mag ich keine Superlative und vermeide sie nach Möglichkeit auch. In diesem Fall würde eine solche Vermeidung aber der Verzerrung einer höchst erfreulichen Realität entsprechen.

Dennoch erschließt sich dieses Radler-Refugium nicht spontan, will erst Schritt für Schritt erschlossen werden. Erinnert es beim erwähnten ersten Blick vom Marktplatz her eher an ein kleines, schnuckeliges elsässisches Restaurant, so überrascht es den auf das Kommende höchst gespannten Radurlauber bei der Annäherung durch die restaurierte Stadtmauer, die gleichzeitig die Hofeinfahrt bildet, mit zwei eher an ein Motel erinnernden langgezogenen Bauten. Kärntner Gemütlichkeit mag anders aussehen. Der Blick vom Zimmer schweift nicht begeistert über das Obere Drautal bis zu den Lienzer Dolomiten, sondern endet abrupt in diesem Hof. Der sich aber schnell als das Kommunikations- und Aktionszentrum der versammelten maximal 50 Radurlauber entwickelt. Der dem Radfahrerrefugium sein spezifisches Gepräge gibt. Dazu trägt natürlich die praktische Fahrradwerkstatt bei, in der beim Abstellen oder dem „Feintuning“ der Räder die taufrischen Streckenerfahrungen ausgetauscht werden. Dabei trägt aber vor allem der Drauwirt Ferdinand Penker selbst bei, der Tausendsassa mit dem Anspruch, ständig für seine radelnden Gäste da zu sein. Wenn´s denn sein muss, 24 Stunden am Tag. Und der für ein Fachsimpeln im Hof immer gern zur Verfügung steht.

Er hat viel gemacht aus der Drei-Sterne-Pension „Zum Goldenen Rössl“. Rundum aufwändig neu renoviert, hell und praktisch eingerichtet. Keine Plüsch-Romantik, sondern eher nordisch anmutende praktische Gemütlichkeit. Radlergerecht eben. Doch es gibt noch ein weiteres, ein ganz besonders Highlight in dem Familienbetrieb Penker. Für Radler – und jeden anderen Genießer – ein ganz besonders Wichtiges. Das ist die ambitionierte Küche. Die einmal mehr die gerade strapazierte „sensationelle“ Preis-Leistungs-Relation ins Gedächtnis ruft. Denn mit den beiden allabendlichen Dreigang-Menüs zum Auswählen wird eine höchst erfreuliche Kochkunst auf den Tisch gebracht.

Kärntner Spezialitäten genauso wie die sogenannte internationale Küche. Ferdinand Penkers höchst anzuerkennende Motivation, den Gast von früh bis abends verwöhnen zu wollen, entspricht auch der opulente Open-Air-Grillabend, der mit riesigem Aufwand und zünftigen Schuhplattlern beglückt. Trotz dieses Eintauchens in die Wohlfühlwelt Sachsenburg und das Goldene Rössl läuten Sie nun wahrscheinlich schon ungeduldig mit der Fahrradklingel, damit Sie sich endlich mit mir zusammen in den imaginären Sattel schwingen können, um das Fahrradparadies Oberkärnten südlich des Alpen-Hauptkamms zu erobern. Wobei Sie bitte kein „Fahrrad-Tagebuch“ von mir erwarten. Dieses Porträt will sich in der Hauptsache auf atmosphärische Impressionen beschränken. Eine durchaus leserfreundliche Beschränkung, wie ich meine.

Den Auftakt der fünf Sternfahrten macht gleich eine der beiden Filetstücke: Das Teilstück des Drau-Radwegs von Lienz zurück nach Sachsenburg. Mit dem Zug wird das ca. 60 km entfernte Lienz schnell erreicht und dabei die Landesgrenze nach Osttirol überschritten. Lienz wäre unbedingt ein eigenes Porträt und ist auf jeden Fall einen eigenen Aufenthalt wert. Eine tolle Stadt, die den angrenzenden Dolomiten ihren Namen verleiht. Ein Urlaubs- und Aktivitätsdorado.

Ob das die Themenwege im Lienzer Talboden sind, die Rad- und Bikesport-Arena, gleichzeitig Etappenort des Giro d’Ítalia, das Kulturzentrum mit den Lienzer Sommerkonzerten auf dem Marktplatz oder die Harmonie des Gesamtbildes der Stadt, die sich dem „Modell schöner leben“ verschrieben und in diesem Kontext den Wettbewerb „Entente Florale Europe“ gewonnen hat. Der immerhin den verantwortungsvollen Umgang mit Tourismus und Energie in den Mittelpunkt stellt.

Und nicht zuletzt ist Lienz das Tor zu dem direkt angrenzenden Nationalpark Hohe Tauern, der zu den größten Nationalparks und großartigsten Hochgebirgslandschaften der Erde gehört, bei dem mit 180 km² (noch) ca. 10 % seiner Fläche mit Gletschereis bedeckt sind und der sich mit der offiziellen Anerkennung durch die Weltnaturschutzorganisation in den erlauchten Kreis von Yellowstone, Grand Canon und Serengeti einreiht.

So versüßt lediglich die Aussicht auf die nun anstehende herrliche Radfahrt den Abschied von dieser prächtigen Stadt, in der sich der letzte freifließende Gletscherfluss der Apen, die Isel, mit der noch jungen Drau verbindet. Ein Trostpflaster: Die Rückkehr – wann auch immer – ist fest programmiert.

Ob seiner ganzen Großartigkeit bietet Lienz natürlich auch die ideale Einstimmung für die nun folgende Rückfahrt. Links die Kreuzeckgruppe, rechts die Karnischen Alpen, (leider) im Rücken die spektakulären Lienzer Dolomiten. Ein atemberaubendes Panorama. Und rechts und links, ständig wechselnd, dabei jeweils von kühn geschwungenen Holzkonstruktionen überbrückt, die Drau als zuverlässiger Begleiter. Lediglich ein kräftiger Gegenwind bremst das normalerweise durch das leichte Drau-Gefälle unterstützte Gleiten des Rades. Aber das ist ja gerade das Faszinierende an Sternfahrten dieser Art. Die Strecke kann ja beliebig umgedreht werden, der Zug fährt in beide Richtungen. Und dann sind sogar die Lienzer Dolomiten ständig im Blickfeld. Und wem die 60 km dann doch zu lange werden, dem ermöglichen genügend Bahnhöfe auf der Strecke die dann erwünschte „Marscherleichterung“.

Kurz nach Lienz erinnert der architektonische Park „Aguntum“ daran, dass diese Region bereits vor 2000 Jahren ein römisches Handelszentrum war, bevor wiederum die imaginäre Grenze durch das „Tiroler Tor“ nach Kärnten überfahren wird. Bald ist „Kärntens Nudelgemeinde“ Oberdrauburg erreicht, ein weiteres „Muss“. Auch die Oberdrauburger Käsesuppe im malerischen Gasthof Post ist eine Erwähnung und einen Stopp wert. Das Oberdrautal stellt sich als eines der schönsten und ökologisch wertvollsten Flusstäler der südlichen Alpen vor. Vorbei an alten Bauernhöfen und durch kleine Weiler und verwunschene Auenlandschaften gilt es, zunächst einmal vorübergehend Abschied von der Genusstour und einen steilen Anstieg nach Gerlamoos und noch ein gutes Stück darüber hinaus in Kauf zu nehmen. Er wird belohnt! Mit dem Erleben der berühmtesten Freskenkirche Kärntens. Vorher in Gerlamoos den Schlüssel besorgen!

Sollten Sie (hoffentlich und wahrscheinlich) vor dem Erreichen des Ziels in Sachsenburg noch Durst oder den kleinen Hunger verspüren, so stoppen Sie in dem ohnehin – wie fast alle Ansiedlungen im oberen Drautal – sehenswerten Lind beim Drauwirt Fugger. Der ehemalige Fußballer in der hessischen Regionalliga hat hier einen wunderschönen Biergarten und eine Fahrrad-Wartungsstation geschaffen, die man ob der investierten Liebe einfach gesehen haben muss.

Sieben Kilometer später versprechen das Goldene Rössl samt „Ferdi“ Penker die nun anstehende, durch und durch verdiente Regeneration. Dieser kleine Bericht kann und will die im wahrsten Sinne des Wortes unbeschreibliche und atemberaubende Intensität dieser ersten Tagesetappe nicht wiedergeben. Das kann nur das eigene Erleben. Wenn Sie den Eindruck bekommen haben, dass sich das - über alle Maßen - lohnt, dann hat er schon seinen Zweck erfüllt.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen, das nach dem Willen von Ferdi Penker nicht als das übliche Büffet angeboten, sondern individuell gereicht wird, steht die nächste Etappe des Drau-Radwegs in Richtung Osten auf dem Programm. Die nächsten 60 km bis nach Villach. Durch Feld und Flur in wiederum beeindruckender, aber nicht mehr ganz so spektakulärer Gebirgslandschaft geht es zunächst nach Spittal. Und schon ist wieder über eine Stadt mit ganz besonderem Flair und touristischem Ausrufezeichen zu berichten. Im ohnehin schon imponierenden Schloss Porcia, dem erklärtermaßen schönsten Renaissancebau nördlich der Alpen, ist eines der modernsten Museen für Volkskunst untergebracht, das wiederum schlichtweg zu einem Muss gehört. Ob das die Landesausstellung „Erlebnisreise WasserLeben“ ist, das begehbare Kärnten-Panorama, der 3D-Flug durch die Täler Oberkärntens und durch den Nationalpark „Hohe Tauern“, Österreichs größte Modelleisenbahn-Anlage oder gar die originalgetreu aufgebaute und eingerichtete ehemalige Almwirtschaft Zechneralm an der Nockalm-Panorama-Straße, das und vieles, vieles mehr ruft geradezu nach einem weiteren Urlaubstag in Spittal.

Doch die Radtour geht unaufhaltsam weiter entlang der Drau ostwärts. Vorbei am Museum Carantana, dem wichtigsten, weniger spektakulären, aber dafür sehr liebevoll eingerichteten Zentrum frühmittelalterlicher Geschichte Kärntens erreichen die Genussradler die Personenfähre von Feffernitz nach Lansach. Die wird auf unserer Route zwar überhaupt nicht benötigt, weil das Wechseln des Drau-Ufers an dieser Stelle überhaupt keinen Sinn macht. Aber eine Hin- und sofortige Rückfahrt mit dieser von einem gemeinnützigen Verein der Gemeinde Weissenstein der historischen Plättenschiffahrt nachempfunden Draufähre in Form eines kleinen Nachens ist ein fast schon meditatives Erlebnis.

Nach der Fahrt durch eine nunmehr weniger spektakuläre, dafür lieblicher werdende Landschaft, über vereinzelt schlechter werdende Wegstrecken, immer direkt am Ufer der Drau entlang, begrüßt der höchste Kirchturm Kärntens, der Jakobskirche zugehörig, die nun leicht ermatteten Radler im Warmbad Villach. Der Bummel durch die ehemals durch Handel und Bergbau sehr reiche und entsprechend spektakuläre Altstadt entschädigt allemal für die Strapazen der Anfahrt. Wer sich noch an den Vorspann zu diesem Artikel erinnern kann, wird verstehen, dass mich ganz besonders die Spuren des Philippus Aurelios Theophrastus Bombastus interessiert haben. Wem dieses Namensungetüm nichts sagt, der sei darüber informiert, dass sich dahinter das Pseudonym Paracelsus verbirgt, der sich hier als Medizin-Reformer profilierte. Unter anderem mit dem bemerkenswerten Satz: „Keiner sei eines anderen Knecht, der sein eigener Herr zu sein vermag.“ Hätten wir doch endlich einen „neuen“ Paracelsus! Der thematische Bruch ist jetzt hart. Dennoch: Die Rückfahrt findet „üblicherweise“ wieder mit dem Zug statt. Meine Frau und ich waren aber so sehr angetan von dem Drau-Radweg, dass wir uns per Rad auf den Rückweg machten. Paracelsus hätte sicher seine Freude daran gehabt.

Mit Sicherheit auch am nächsten Tag. Denn es stand das nächste tolle Filetstück auf dem Programm. Der Glöckner-Mölltal-Radweg. Wobei der Namensgeber Großglockner nur aus der Ferne grüßte. Mit dem Rad-Taxi ging es aber immer dem mit seinen 3.798 m nicht nur höchsten Berg Österreichs, sondern auch zu den höchsten Gipfeln der Ostalpen zählend, entgegen. Bis Winklern, bereits im Nationalpark Hohe Tauern gelegen. Auf rund 1.000 m Höhe. Von hier ging es zurück und insofern – logischerweise – ständig bergab bis nach Sachsenburg auf rund 550 m. Oft genug im gestreckten Galopp. Einfach nur herrlich. Immer entlang der Möll. Und insofern – wie sooft in Kärnten – dem Motto „Erlebnis WASSER – RadREISE am Möllfluss“ folgend. 25 diesbezügliche Erlebniswelten sind auf dem einzigartigen Glocknerradweg miteinander verbunden.

Entschleunigen, Natur am Wasser hautnah spüren, ist das Motto dieser Erlebniswelten. Wie gesagt: Paracelsus hätte seine Freude daran. Der Ohrwurm „Mit dem Rad, mit dem Rad, Kamerad, geht’s hinaus“ aus dem eingangs erwähnten Film „Immer die Radfahrer“ mit Heinz Erhardt modifizierte sich jetzt leicht, aber im Ergebnis wesentlich: .“..geht´s bergab!“

Obwohl das Sausen durch das immerhin 65 km lange Mölltal zu den für einen Radler total ungewohnten, ungebremste Euphorie produzierenden Erlebnissen gehört, sollten Sie spätestens in Schmelzhütten die Bremsen zum Heißlaufen bringen. Die Raggaschlucht ruft. Zweifellos eine der schönsten, allemal spektakulärsten Schluchten der Alpen. Durch Muren und Hochwasser immer wieder zerstört, wurden die erstmals 1882 gebauten atemberaubenden Stege im Naturdenkmal Raggaschlucht immer wieder neu aufgebaut. Zum Glück. Wer an der Raggaschlucht nicht die Bremse entschlossen betätigt und auf die fast schon entwöhnte ca. einstündige Fortbewegung per pedes umsteigt, der oder dem ist nicht zu helfen. Denn auch nach dieser Unterbrechung wird die rauschende Abfahrt nach Möllbrücke fortgesetzt. Gleich um die Ecke verheißt das nunmehr immer mehr vertraute Goldene Rössl die ersehnten Relax-Streicheleinheiten und Ferdi Penkers Vollversorgung.

Dem Seenland Kärnten Respekt zollend, umrunden die beiden letzten Etappen zwei der bekanntesten Kärntner Seen. Zunächst den Millstädter See, unweit vom bereits vorgestellten Spittal. Neben dem See selbst sind die beiden touristischen Zentren Seeboden mit dem Fischereimuseum und Millstadt, natürlich mit dem gleichnamigen Stift, einem der bedeutendsten romanischen Baudenkmäler in Kärnten, besonders erwähnenswert. Wer die Gesamtstrecke von 60 km aufgrund der landschaftlich sehr beeindruckenden, aber durchaus anspruchsvollen, ziemlich hügeligen Südstrecke verkürzen will, kann das mit der Radfähre Peter Pan sehr effizient tun. Ich habe – zusammen mit meiner Frau – dem schönen Wetter Tribut gezollt und nach der See-Umrundung ein Elektroboot gemietet. Denn wo lässt sich ein See besser erleben als direkt darauf. Ein schönes, ein sehr schönes Erlebnis war das. Die Beinmuskulatur hat sich im Übrigen auch sehr gefreut über diese unerwartete Pause.

Die letzte Etappe bildet – quasi zum Ausrollen – die mit 40 km gemütliche Umrundung des Ossiacher Sees. Mit Transfer per Fahrrad-Taxi. Der See, der gleichermaßen mit den meisten Sonnenstunden wie mit Trinkwasserqualität brilliert, ist wiederum sehr idyllisch eingebettet in die grandiose Bergwelt Kärntens. Quasi als krönenden Abschluss habe ich mir - diesem neuen Trend versuchsweise folgend - bei dem Rad-Partner von Ferdinand Penker, Gert Amenitsch, 1992 noch in der Mountainbike Europa Liga aktiv, ein Elektrorad ausgeliehen. Doch das ist eine andere Geschichte, über die ich an anderem Ort berichten werde.

Normalerweise stünde jetzt schon die Abreise auf dem Programm. Mein Tipp: Verlängern Sie. Unbedingt. Nicht nur wegen dem auch in diesem Fall nach wie vor unverändert zur pausenlosen Freude Anlass gebenden Preis-Leistungs-Verhältnis. Sondern weil es noch so unendlich viel zu erleben gibt. Und weil einiges davon ein „Muss“ ist. Von Lienz und Spittal habe ich in diesem Zusammenhang bereits berichtet.

Apropos Lienz. Dort startet auch der Lieser-Radweg entlang dem Flüsschen Malta ins gleichnamige Maltatal. Auch wunderbar. Bald hinter Spittal grüßt das malerische Gmünd. Nicht nur wegen des Porsche-Museums lohnt dort die nächste Vollbremsung, sondern auch, um einen thematischen Zirkelschlag dieses Porträts zu schließen. Weil Gmünd nämlich das legendäre Burgsteinach aus dem Film „Immer die Radfahrer“ ist. Heinz Erhardt-Enthusiasten werden die Brücke mit dem Stadttor im Hintergrund sofort erkennen. Auch heute noch, nach 52 Jahren. Nach so viel Fahrradfahren haben wir uns dann noch zwei besondere Erlebnisse gegönnt, die sich des mitgebrachten vierrädrigen Untersatzes bedienten. Oberkärnten ist auch ein Dorado für die, die Bergstraßen lieben. Ganz egal, ob das die Großglockner-Hochalpen-, die Kärntner Panorama-, die Nockalm- oder die Goldeckstraße ist. Wegen des Ausblicks auf den nunmehr schon so vertrauten Millstädter See haben wir die Goldeck-Panoramastraße gewählt. Nicht weit von Spittal entfernt, führt die Route für Bergstraßen-Afficionados nach 14,5 km auf 1895 Meter. Und die anschließende Wanderung durch den noch im Hochsommer verbliebenen Schnee auf den Goldeck-Gipfel auf 2142 m. Auch dabei gilt: Einfach nur schön.

Ebenso wie die dann tatsächlich abschließende Rundfahrt, die sich im Dreiländereck Oberkärnten einfach anbietet: Von Villach über den Wurzenpass nach Slowenien mit dem Wintersportparadies Kranjska Gora, von dort nach Italien. Über Tarvisio und Pontebba zurück über den Naßfeld-Pass in das nun schon mit heimatlichen Gefühlen verbundene Kärnten, über Hermagor und den Weißensee mit Dolomitenblick. Das alles mit knapp 200 km.

Eigentlich bedarf dieses kleine Porträt keiner Zusammenfassung mehr. Entweder es spricht für sich selbst oder es hat diese Aufgabe nicht erfüllt. Was ich natürlich nicht hoffe. Deshalb nur soviel: Es hat sich gelohnt, diese Reise nach Kärnten. In jeder Hinsicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ihnen das genauso gehen würde. Oder sogar wird. Danke für Ihr Interesse.

Volkmar Schwabe

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