Von: Curt Kösters
Die WHO meint warnend darauf hinweisen zu müssen, dass eine homöopathische Therapie sich nicht eignet für die Behandlung von HIV, TB, Malaria- und Durchfallerkrankungen. [1]
Ich möchte das zunächst einmal ergänzen: Homöopathie eignet sich auch nicht zur Behandlung von Schlangenbissen, nur als Begleittherapie bei schweren Verletzungen und nicht zur Behandlung eines echten Insulinmangel-Diabetes. Wenn ich noch etwas länger darüber nachdenke, fallen mir sicher noch mehr Warnungen ein.
Ärzte behandeln einzelne Patienten und sind es ihnen schuldig, in jedem einzelnen Fall abzuwägen, was es an therapeutischen Alternativen gibt und wie verlässlich diese jeweils sind.
Zunächst einmal ist nun festzuhalten: Es gibt gute Belege für eine Effizienz der konventionellen Therapie bei der Behandlung von Malaria, TB und HIV.
Zur homöopathischen Behandlung von HIV gibt es Berichte über Fallserien aus Afrika und Indien, die allerdings hinsichtlich ihrer Beweiskraft schwer beurteilbar sind. Zur homöopathischen Behandlung der Tuberkulose gibt es eine ganze Reihe gut dokumentierter Einzelfallberichte aus Indien und zahlreiche Berichte in der homöopathischen Literatur aus dem 19. Jh. Zusammenfassend wird man aber eine homöopathische Behandlung bei diesen Erkrankungen derzeit nur in begründeten Ausnahmefällen empfehlen können:
• Als komplementäre Therapie zusätzlich zu einer konventionellen Behandlung, wenn der Patient das wünscht.
• Wenn eine konventionelle Therapie nicht zur Verfügung steht, z. B. aufgrund von Resistenzen.
Etwas anders verhält es sich mit der Malaria. Hier gibt es in der homöopathischen Literatur viele dokumentierte Einzelfallberichte und Fallserien [2]. Weiterhin gibt es sogar ein plausibles experimentelles Modell. [3]
Eine homöopathische Therapie der Malaria durch erfahrene homöopathische Ärzte ist möglich. In jedem Einzelfall wird man allerdings zu einer konventionellen Therapie übergehen, wenn sich die homöopathische Therapie nicht rasch als wirksam erweist.
Ganz anders ist die homöopathische Behandlung von Diarrhoen zu beurteilen, zu der die WHO ebenfalls meint Stellung nehmen zu müssen.
Dazu ist festzustellen:
• Unstrittig ist die orale Rehydratation. Diese wurde von Homöopathen bereits erfolgreich bei der Behandlung der Cholera praktiziert, als die konventionellen Kollegen noch meinten, diese mit Flüssigkeitsentzug und Aderlässen behandeln zu können.
• Die konventionelle Behandlung mit Opioiden (wie Loperamid) ist umstritten, häufig gefährlich und insbesondere in Entwicklungsländern eher kontraindiziert.
• Weitere effiziente konventionelle Therapieverfahren stehen nicht zur Verfügung.
Eine homöopathische Behandlung der akuten Diarrhoen mit ausgewählten homöopathischen Einzelmitteln ist wirksam und in mehreren Doppelblindstudien hinreichend belegt [4]
Somit handelt es sich bei der Homöopathie um die einzige effektive Therapiemethode, die neben der oralen Rehydratation zur Verfügung steht. Nach der Studienlage und entsprechend den Regeln der Evidenced Based Medicine wäre es also ein Kunstfehler auf diese Therapie zu verzichten, wenn sie zur Verfügung steht.
Grundsätzlich freut es uns ja, dass die WHO die Bedeutung der Homöopathie so hoch einschätzt, dass sie ihr einen eigenen Warnhinweis widmet.
Möglicherweise sollte sie ihre Statements allerdings etwas sorgfältiger prüfen vor der Veröffentlichung. Das gilt ja nicht nur für Warnungen vor der Homöopathie. – Mit ihrer weit überzogenen Pandemie-Warnung hat sich die WHO weit aus dem Fenster gelehnt und ist damit erhebliche Risiken eingegangen für ihre künftige Glaubwürdigkeit. Der Karren vor den sie sich dabei hat spannen lassen, ist offensichtlich.
Bei dieser Homöopathie-Warnung handelt es sich natürlich um einen weit bescheideneren Karren. Initiator ist eine Gruppe von selbsternannten britischen Homöopathie-Experten, die mit großem Getöse vor den Gefahren dieser Methode warnen.
Man fragt sich ja auch, ob es künftig auch einen offiziellen Warnhinweis der WHO geben wird, wenn mal wieder ein Stammzellenforscher ein vollmundiges Heilsversprechen von sich gibt, etwa zu den künftigen Therapiemöglichkeiten bei Parkinson oder Alzheimer.
Für etliche Entwicklungs- und Schwellenländer (z. B. Indien aber auch Kuba) ist die Homöopathie ein wichtiger Teil des Gesundheitswesens, weil hier eine preisgünstige und effektive Therapie häufig vorkommender Erkrankungen zur Verfügung steht. Dies betrifft z. B. die Durchfallerkrankungen bei Kindern, die in diesen Ländern eine große Gefahr darstellen.
In der HIV-Behandlung setzen diese Länder eher auf konventionelle Präparate. Allerdings leidet eine effektive Behandlung erheblich darunter, dass die Kosten für diese Behandlung häufig nicht aufgebracht werden können. Diese Länder würden sich von der WHO wohl eher mehr Unterstützung erhoffen in der Auseinandersetzung um Patentrechte und Generika, als wohlfeile Warnhinweise.
Trotz aller Aufregung funktioniert die homöopathische Therapie in der Praxis immer wieder recht gut – und das mittlerweile seit 200 Jahren. Skepsis hat die Homöopathie von Anfang an begleitet. Ihren historischen Durchbruch hatte sie im 19. Jahrhundert, als sich zeigte, dass sie bei der Behandlung schwerer Epidemien wirksam und in etlichen Fällen einer konventionellen Therapie deutlich überlegen war. [5], [6], [7]
Curt Kösters
Arzt - Homöopathie, 1. Vorsitzender des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte. Seit 1991 ist er in eigener Praxis in Hamburg tätig. Eigene Erfahrungen sammelte er in Entwicklungsländern. Über mehrere Jahre Mitarbeit in einem homöopathischen Entwicklungshilfeprojekt in Nepal.
Kontakt
www.welt-der-Homoeopathie.de
[1] Die Meldung "WHO vs. Homöopathie" ist auf www.aerzteblatt.de am 21.08.2009 erschienen. Um die Meldung zu lesen, klicken Sie hier.
[2] Van Erp VMA, Brands M: Homeopathic Treatment of Malaria in Ghana. British Homeopathic Journal (1996) 85: 66-70.).
[3] (Lira-Salazar G, Marines-Montiel E, Torres-Monzón J, Hernández-Hernández F, Salas-Benito JS: Effects of homeopathic medications Eupatorium perfoliatum and Arsenicum album on parasitemia of Plasmodium berghei-infected mice. Homeopathy. 2006 Oct;95(4):223-8. )
[4] Jacobs J, Jonas WB, Jimenez-Perez M, Crothers D: Homeopathy for childhood diarrhea: combined results and metaanalysis from three randomized, controlled clinical trials. Pediatr Infect Dis J, 2003; 22(3):229-234.
[5] Leary B. The homoeopathic management of cholera in the nineteenth century with special reference to the epidemic in London, 1854. Med Ges Gesch. 1997;16:125-44.
[6] Sjögren, H.W: Über die „Spanische Krankheit“ (Grippe), deren verschiedenen Typen und ihre Behandlung. AHZ 167 (1919), Nr. 6: 99-104.
[7] Rastogi D P, Sharma V D: Study of homoeopathic drugs in encephalitis epidemic (1991) in Uttar Pradesh (India). CCRH Quarterly Bulletin Vol. 14 (3&4) 1992