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Artikel
01. März 2010
Wenn Mama und Papa sich trennen…
Rubrik: Familie, Kinder und Jugend

Von: Christina Hemmer

…bleiben sie dennoch weiterhin Eltern ihrer gemeinsamen Kinder – ein Leben lang. Besonders zu Beginn der Trennungszeit leiden alle Beteiligten unter der neuen Situation. Eltern können oft nicht ohne Missverständnisse und Vorwürfe kommunizieren, Kinder werden häufig zum Spielball der beiden oder geben sich sogar die Schuld an den Streitereien. Das neue Dialogportal www.umgangskalender.de gibt getrennten Eltern jetzt die Chance, sich auf sachlicher Ebene über alle kindbezogenen Themen von der Ferienregelung über den Elternsprechtag bis hin zum Taschengeld auszutauschen, um die Elternrolle weiterhin verantwortungsvoll wahrnehmen zu können.

„Mama, bin ich am Wochenende beim Papa? Ich habe doch am Samstag mein Tennisturnier und da möchte ich gern wissen, wer mich da hin fährt und wieder abholt.“ Mit Gewissheit konnte Dagmar Geier ihrem 13-jährigen Christian solche Fragen früher nicht beantworten. Jahrelang konnten Christians Eltern keine verbindliche Umgangsregelung finden, die für beide Seiten akzeptabel war. „Nach unserer Trennung konnten mein Ex-Mann und ich nicht mehr normal miteinander reden. Am Telefon haben wir uns ständig gezofft, so dass wir uns gegenseitig Zettelchen in den Briefkasten werfen mussten, um zu klären, wann Christian bei ihm und wann er bei mir ist“. So richtig gut geklappt habe die Briefkommunikation jedoch nicht, schildert Dagmar Geier ihre Situation. Besonders die Regelung von Ferien- und Feiertagen wie Silvester oder Fasching seien immer Streitpunkte gewesen. Schließlich kamen Christians Eltern ohne die Hilfe von Anwalt und Jugendamt nicht mehr aus, was die Situation jedoch noch verschärfte, so Geier.

Szenarien wie die der Familie Geier kennt der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut A. Hesse nur allzu gut. Aus seiner 30-jährigen Erfahrung als Mitarbeiter in Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie und seiner fast 20-jährigen Mitarbeit bei Sachverständigengutachten in Sorge- und Umgangsfragen weiß er, dass Eltern und Kinder in einer Trennungssituation vielfältig belastet sind. „Fast alle Eltern leiden unter der verzerrten und/oder mangelnden Kommunikation mit dem anderen Elternteil. Oft läuft diese Kommunikation über die Kinder. Und die Kinder befinden sich in einem Loyalitätskonflikt. Sie sind zwischen beiden Elternteilen hin- und hergerissen und empfinden sich oftmals als Kampfmittel und Nachrichtenübermittler ihrer streitenden Eltern“. Deshalb sieht A. Hesse seine Aufgabe als Therapeut darin, „die Kommunikation der getrennt lebenden Eltern zum Wohle der Kinder zu verändern bzw. zu verbessern. Es geht darum, ihnen zu vermitteln, dass sie jetzt kein Paar mehr sind, aber noch immer Eltern, die nach wie vor verantwortlich für das Wohl ihrer Kinder sind. Sie stellen nun ein Erzieherteam dar, das sich zu den wichtigen Dingen die Kinder betreffend absprechen muss“.

Irgendwann im September 2009 hatte Dagmar Geier wieder eine der vielzähligen Nachrichten ihres Ex-Mannes in ihrem Briefkasten. Dieses Mal war allerdings ein Zeitungsartikel über ein neues Internetportal dabei, das getrennte Eltern bei ihren Umgangsregelungen unterstützen soll. www.umgangskalender.de steht seit Mai 2009 getrennten Eltern online zur Verfügung und wurde von dem Fachanwalt für Familienrecht und Mediator Jörg Daube mit Unterstützung von Psychologen und Programmierern entwickelt. „Als Anwalt und Mediator stellt man häufig fest, dass man den Eltern nur begrenzt helfen kann und – langfristig – gehören Anwälte nicht in die Familienprozesse. Daher wollten wir den Eltern eine Art Werkzeug schaffen, das die Kommunikation entstresst und ihr Struktur verleiht, etwas, was sie selbst benutzen können und das vor allem die Kinder aus der Schusslinie holt.“ Strukturen werden beim Umgangskalender vor allem im Bereich „Elternabsprachen“ geschaffen, wo nicht nur gezielt Erziehungsabsprachen sondern auch Ferien- und Umgangsregelungen getroffen werden können. Dabei zeigen vorgegebene Eingabemasken transparent auf einen Blick, in welchen Bereichen sich die Eltern schon einig sind oder noch unterschiedliche Meinungen vertreten.

Abb. 1: Umgangskontakt

Für Dagmar Geier scheint der Umgangskalender wie ein Segen gewesen zu sein, denn seitdem sie und ihr Ex-Mann den Umgangskalender nutzen, können sie sich besser denn je über Wochenendregelungen und Ferienzeiten einigen. „Besonders toll ist, dass in einer Historie nun alle Schritte dokumentiert und protokolliert werden. Da sieht man sofort auf einen Blick, wer wann welche Vorschläge gemacht hat und man kann sich immer wieder darauf berufen. Hier kann man einfach alles, was zum Thema Umgangskontakt bzw. Ferien anfällt, verbindlich klären – und mein Ex-Mann hält sich nun an die Vereinbarungen. Er ist jetzt sogar aktiver als vorher, schlägt nun schon Termine weit im Voraus vor.“ Dabei sei gerade das Thema Ferien immer ein „Riesendrama“ gewesen, so Geier, denn der eine hatte immer genau dann keine Zeit, wenn der andere selbst wichtige Termine hatte. Mit dem Umgangskalender können sich Eltern zumindest nicht mehr absichtlich in die Quere kommen, denn hier werden die Ferienvorschläge des anderen erst nach der Eingabe eigener Vorschläge ersichtlich.

Der Entwickler des Portals, Jörg Daube, betont, dass Kinder nach wie vor einer Trennung beide Elternteile brauchen, was aber durch die übliche 14-tägige Wochenendregelung nicht immer gegeben sein kann. „Elternteile, die nach der Trennung nicht mehr bei dem Kind leben, sehen dieses oft nur noch alle zwei Wochen am Wochenende. Mit dem Umgangskalender wollen wir diesen Eltern ermöglichen, mehr am Leben der Kinder teilzunehmen und auch innerhalb der Woche mehr Live-Kontakte zwischen Eltern und Kindern schaffen“. Im Bereich „Kalender der Kinder“ wird beiden Elternteilen diese Möglichkeit gegeben, denn hier können sie sich über alle Belange der Kinder zu jeder Tageszeit und von jedem Ort der Welt aus austauschen: Von der Telefonnummer des Arztes über den Stundenplan bis hin zur aktuellen Schuhgröße der Kleinen oder den Geburtstagswünschen des Sohnes. Außerdem können in den Kalender alle Termine sämtlicher Familienmitglieder eingetragen werden; eine farbliche Zuordnung zu den Teilnehmern sorgt für eine übersichtliche Terminkoordination. „Die farbliche Markierung ist wirklich eine große Hilfe. Man sieht sofort, wer wann welchen Termin hat und auch Christian kann nun sehen, dass er an den ‚grünen Tagen‘ bei Papa ist. Auch die orangefarbene Markierung der Ferientage unseres Bundeslandes hilft mir bei der Planung der Termine“, schildert Dagmar Geier.

Abb. 2: Kalenderübersicht

Was ebenfalls die Kommunikation zwischen ihr und ihrem Ex-Mann fördere, seien die vielen automatischen Prozesse, wie Erinnerungen an Besuchstermine und die automatisierten E-Mails, die man bekommt, wenn der andere Elternteil einen neuen Eintrag im Umgangskalender vorgenommen hat. Jörg Daube erklärt, was dahinter steckt: „Wir wollen den Eltern eine Kommunikationsstraße bauen, auf der sie unfallfrei kommunizieren können, ihnen Strukturen bauen, die automatisch funktionieren und stressfrei sind. So müssen sie sich nicht um das ‚Wie‘ der Kommunikation kümmern, haben aber trotzdem die Chance, sich über das ‚Was‘ auszutauschen, so dass sie beide in ihrer Elternverantwortung bleiben können und nicht aus dem Leben der Kinder verschwinden. Der Umgangskalender soll zwar die Live-Kommunikation zwischen den Eltern nicht ersetzen, aber dort, wo diese nicht mehr reibungsfrei klappt, kann er sie unterstützen“.

Auch Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut A. Hesse hat sich den Umgangskalender angeschaut und mit einer Testversion Vater- und Mutterrolle durchgespielt. „Mit dem Umgangskalender wird etwas ganz Wesentliches erfasst, nämlich, dass man mit einer solchen von Emotionen freien Art der Kommunikation Eltern und Kindern zusätzliches Leid und Stress ersparen kann. Vorwürfe und Angriffe werden durch die Art des Umgangskalenders verhindert, was eine sachliche Kommunikation fördert“. Außerdem könne man durch den anderen nicht unterbrochen werden, und auch die über Stimme und Mimik geäußerten Gefühle können nicht wahrgenommen werden. Voraussetzung für eine Einigung über den Umgangskalender sei laut Hesse allerdings, dass die Eltern die Bereitschaft mitbringen, „mit dem anderen Elternteil auf einer ausschließlich sachlichen Ebene über die Umgangsmodalitäten zu kommunizieren.“

Therapeuten, Ärzten oder Beratern, die ebenfalls mit getrennten Eltern arbeiten, bietet Jörg Daube an, den Umgangskalender über eine kostenfreie Testversion auszuprobieren, um selbst zu erleben, wie der Umgangskalender Eltern helfen kann.

Im Idealfall kann es Eltern und Kindern wie Dagmar Geier und ihrem Christian ergehen, der jetzt schon weit im Voraus seine Tennisturniere planen kann. Nachdenklich fügt Dagmar Geier hinzu: „Mein Ex-Mann und ich können jetzt sogar wieder miteinander telefonieren…“

 

Christina Hemmer
ist Kommunikationswissenschaftlerin und freie Autorin, seit 2008 M. A. der Kommunikationswissenschaft, der Germanistik und der Geschichte.