Von: R. V.
Beruhigend war es als die Verdachtsdiagnose „Glutenintoleranz“ ausgesprochen war, von einer Ernährungsberaterin, die das Essverhalten in Ordnung bringen sollte, und damit die diffusen Bauchschmerzen unter Kontrolle.
Die Ernährungsumstellung besserte die Beschwerden schnell und wurde sogar zur Lebensumstellung. Das Essen diente nicht mehr dem Energiegewinn sondern wurde ein „sich um’s eigene Wohl kümmern“.
Die Einschränkungen in der Nahrungsmittelauswahl, mussten kompensiert werden. Die Belohnungsmechanismen, die sonst über das Essen gelaufen sind, überdacht werden. Und endlich, hatte man einen triftigen Grund, den so lang unterdrückten Egoismus heraus zu lassen. Endlich war man eine „Extrawust“.
Man wurde bedauert, ausgefragt, was man denn noch essen dürfte, Mutter lernte mit glutenfreiem Mehl zu backen und bei Einladungen hatte man immer ein kleines Wort bei der Menüwahl mitzureden. Da waren die Einschränkungen ein leicht zu zahlender Preis für das Extra an Anteilnahme.
Dass der Gastroenterologe weder im Blut noch im Darm konkrete Anzeichen für Glutenintoleranz, geschweige denn Zöliakie gefunden hatte, wurde ignoriert, denn der Krankheitsgewinn war Zuwendung von allen Seiten, war die Notwendigkeit, auf sich selbst zu achten, und die Tatsache, dass man plötzlich auch die Aufmerksamkeit des Umfeldes einfordern dufte. Summa summarum hat die Glutenintoleranz vor Allem der Psyche gut getan.
Drei Jahre später begann eine Ausleitung von Amalgam, die in eine umfassende Darmsanierung mündete. Unter anderem wurde eine alte Amöbenbesiedelung kuriert und danach war Gluten plötzlich kein Thema mehr.
Nach der anfänglichen Freude darüber holten einen die harten Fakten schnell ein. Keine Extrawurst mehr beim Frühstück mit den Arbeitskollegen, kein Extrakuchen mehr beim Sonntagskaffee, und die Keksfrage, Ja oder Nein, musste jetzt über den Vernunftsweg laufen, denn jetzt durfte man ja wieder, man wollte ja nur nicht! Das war gar nicht so schnell „zu verkraften“.
Etwas ist jedoch geblieben. Eine Art der Dankbarkeit, denn die Erfahrung war wertvoll. Die Achtsamkeit sich selbst gegenüber konnte in das glutenhaltige Leben hinübergerettet werden.
Der Krankheitsgewinn ist somit zum Teil geblieben und ein Verständnis für jeden Kranken der sich nicht von seiner Krankheit trennen will, hat sich gefunden.
Manch einer kommt von alleine auf den Mechanismus, jedoch andere zelebrieren das Kranksein….
Da liegt nun die Entscheidung beim Behandler, ob er seinem Patienten die Augen öffnet über Krankheit, Gesundheit und den jeweiligen Vorteil.