Von: Barbara Simonsohn
Gerade haben Acai- und Goji-Beeren den Markt für natürlich Nahrungsergänzungsmittel erobert. Aber: Haben Sie schon mal von der Schisandra-Beere gehört? Wenn nicht, ist das völlig normal. Was in China seit Jahrtausenden zur gesunden Ernährung und Prophylaxe gehört, ist bei uns noch so gut wie unbekannt. Die Erfolgsautoren Shalila Sharamon und Bodo Baginski, deren Buch über die Goji-Beere gerade die 5. Auflage erreicht hat, bringen mit ihrem Buch über diese Frucht, die auch „Wu Wei Zi“ oder „Frucht der fünf Elemente“ genannt wird, das erste Mal im deutschsprachigen Raum eine breite Öffentlichkeit in Kontakt mit ihren Gesundheitsvorzügen. Was die Schisandra-Beere so einzigartig macht: ihr breites Wirkspektrum für Körper, Seele und Geist.
Die Schisandra-Beere wird schon seit vielen Jahrhunderten als Heilpflanze genutzt. Ihre Heimat ist Nordostasien. Die ersten Berichte über ihre Kultivierung stammen aus der späten Han-Dynastie, die 206 vor Christi Geburt begann und bis 220 nach Christi dauerte. Heute finden sich ausgedehnte Plantagen in den nordöstlichen chinesischen Provinzen Jilin, Lianoning und Heilongjiang. Von dort kommen die größten Früchte, auch Nord-Schisandra oder Bei Wu Wei Zi genannt. Schisandra wird heute auch in der Mongolei, in Korea, auf den russischen Kurilleninseln sowie in Japan kultiviert und großflächig angebaut. In China und Japan gibt es zahlreiche Produkte auf der Basis von Schisandra-Beeren, wie „Schisandra Drink“, „Schisandra Extrakt“, Kapseln, Elixiere, ja sogar Schisandra-Zigaretten zur Raucher-Entwöhnung, Schisandra-Energy-Drinks und Schisandra-Liköre, Schisandra-Tee aus getrockneten Beeren, Herzkapseln und Leber-Elixiere.
Schisandra schon im Altertum begehrt
Die Schisandra-Beere ist heilkräftig mit einer jahrtausendealten Tradition. Ihr Geschmack ist einzigartig und vermittelt auf der Zunge ein Gefühl von Frische, Reinheit und Gesundheit. Wer sie täglich 100 Tage lang kaut – zwei Teelöffel getrocknete Beeren genügen –, reinigt sein Blut, schärft den Geist und verbessert sein Gedächtnis. Die Schisandra-Beere verspricht ein hohes Alter ohne Alterungsprozesse und Zivilisationserkrankungen. Schon die „Materia Medica“, das Heilpflanzenbuch der Chinese aus dem Jahr 2600 vor Christus, verspricht die Steigerung der Lebensenergie „Ki“ oder „Chi“. Ihre lebensverlängernde, erfrischende, entspannende und gleichzeitig kräftesteigernde Wirkungen werden heute durch mehr als 400 wissenschaftliche Studien bestätigt. Schisandra galt dem Begründer der berühmten Yin-Ernährungsschule Zhu Dan-xi bereits im 13.Jahrhundert als „die Essenz, das Ki und die vitale Wärme der fünf inneren Organe zu bewahren“. Er schätzte die Beere auch als sexuelles Tonikum für Mann und Frau. Der Taoismus verehrt die unscheinbar rote Frucht als gesundheitsfördernd und Kosmetikum von innen. Der Konsum garantiere „die Schönheit eines Jade-Mädchens“ und fördere sogar die spirituelle Entwicklung.
Fünf Elemente und drei Schätze
Im Chinesischen heißt Schisandra auch „Wu Wei Zi“, was „das Kraut der fünf Geschmäcker“ heißt. In der Tat enthält die Beere alle fünf grundlegen Geschmacksrichtungen: süß, etwas salzig, sauer, scharf und leicht bitter. Wer das erste Mal Schisandra isst, hat ein einmaliges Geschmackserlebnis. Sauer stärkt Leber, Augen und Muskeln und wirkt nach der TCM konsolidierend. Bitter kühlt Blut und Herz und stärkt Herz und Dünndarm. Süß harmonisiert und baut Ki-Energie auf, es stärkt auch Milz, Magen und Bindegewebe. Scharf löst Energieblockaden und verteilt die Lebenskraft. Diese Geschmacksrichtung stärkt Haut, Lunge und Dickdarm. Salzig weicht Verhärtungen jeder Art auf und stärkt Nieren, Blase, Ohren und Knochen. Diese Aufzählung zeigt bereits, welch breites Wirkspektrum Schisandra allein aufgrund ihrer Geschmacksvielfalt besitzt.
Chinesische Kräuterkundige und Taoisten haben aber noch eine weitere bedeutsame Eigenschaft der kleinen Frucht herausgefunden: neben den fünf Geschmacksrichtungen fördert Wu Wei Zi auch „alle drei Schätze der chinesischen Medizin und Philosophie“. Jing, auch Essenz genannt, ist die ursprüngliche Energie, die uns bereits bei der Empfängnis mitgegeben wurde. Sie wird auch als „nährende Essenz“ oder „Samen“ bezeichnet. Das bekannte „Ki“ oder „Chi“ wird als Lebenskraft bezeichnet. Es handelt sich um eine dynamische Energie, welche in den Meridianen und Chakren zirkuliert. Shen wird mit Seele oder göttlichem Geist gleichgesetzt. Es ist die Energie hinter jeder mentalen, spirituellen und kreativer Aktivität. Arbeiten diese drei „Schätze“ harmonisch zusammen, sind geistig-seelische Gesundheit und Wohlbefinden die Folge.
In der traditionellen chinesischen Medizin wird Schisandra eingesetzt, um alle physiologischen Funktionen zu optimieren, das Ki oder Chi aufzubauen und zu schützen, das Ki und das Blut zu tonisieren, den Geist zu beruhigen, Sehnen und Knochen zu stärken, die Nieren zu tonisieren, Das Lungen- und Herz-Ki zu stärken, die Leber zu unterstützen und die Augen zu stärken und sexuelle Potenz und Sensibilität zu wecken. Als Indikationen gelten u. a. Reizbarkeit, Herzklopfen, Impotenz, Vergesslichkeit, Schlaflosigkeit, Asthma, Diabetes und trockener Husten.
Schisandra, ein Adaptogen
Was klingt wie zu schön um wahr zu sein, ist doch Wirklichkeit. Das einmalig breite Wirkspektrum lässt sich nach den Prinzipien der traditionellen chinesischen Medizin TCM erklären. Schisandra ist ein Adaptogen, das heißt, es hat eine harmonisierende Wirkung auf alle Organe und Körperfunktionen. Adaptogene bringen aus dem Gleichgewicht geratene Organe und Funktionen wieder in ihren natürlichen Zustand zurück. Was zu viel ist, wird vermindert, woran ein Mangel herrscht, wird vermehrt. So hilft die Schisandra-Beere zum Beispiel sowohl bei zu hohem als auch bei Beschwerden durch zu niedrigen Blutdruck. Nur höchstens jede 4.000. Heilpflanze hat die Eigenschaften eines Adaptogens.
Adaptogene Heilpflanzen entsprechen den „erhabenen Kräutern“ der chinesischen Medizin als auch den Rasayanas des Ayurveda. Die Forschung über Adaptogene brachte ein russischer Arzt, Wissenschaftler und Pharmakologe, Nikolai V. Lazarev, in der Mitte des letzten Jahrhunderts in Gang. Nachdem er zunächst die Wirkungen des asiatischen Ginseng panax untersucht hatte, stieß er auf die Schisandra-Beere. „Adaptare“ heißt im Lateinischen „adaptieren, sich angleichen, anpassen“. Ein Adaptogen ist auch bei Langzeit-Anwendung völlig ungiftig. Es steigert die Abwehr des Körpers gegenüber physischem, psychischem, chemischen und biologischem Stress. Ein Adaptogen normalisiert immer die körperlichen Funktionen, unabhängig von der Richtung, in der sich eine Störung manifestiert. Adaptogene haben eine tonisierende, also anregende, und aufbauende Wirkung. Diese Wirkung ist aber im Gegensatz zu Coffein oder Guarana für den Körper auf keinste Weise belastend.
Adaptogene dämpfen Überfunktionen und gleichen Unterfunktionen aus. Sie wirken auf das Gehirn, die Nerven, das endokrine Drüsensystem und stärken das Immunsystem. Damit fördern sie körpereigene Heilmechanismen und helfen, die Ursachen und Folgen von Krankheiten zu beseitigen. Die körpereigenen Regulationsmechanismen werden gestärkt und Funktionsstörungen gemildert. Der Organismus kann mit Stress und Überforderung besser umgehen, Dauerbelastungen werden besser verarbeitet und stressbedingten Schäden vorgebeugt. Adaptogene wie Schisandra stimulieren, beruhigen, gleichen aus, stärken, vermindern Stress und sind in der Tat leistungssteigernd. Studien mit Schisandra zeigen eine Verringerung von Müdigkeit und eine höhere Arbeitsqualität.
In einer Studie mit Stewards und Stewardessen, die vor und nach Langstreckenflügen 0,5 g eines Schisandra-Extrakts bekamen, wurde gezeigt, dass Herzschlag und Blutdruck im Gegensatz zur Kontrollgruppe trotz der Stressbelastung normal blieben. Telegrafisten verminderten unter Schisandra-Einnahme signifikant Müdigkeit und Erschöpfung und steigerten die Genauigkeit von telegrafischen Übertragungen um 22 %. Männer in einem Sanatorium steigerten ihre Vitalität um 19 %, und ihre Muskelstärke nahm um 27 % zu. Die Menge des Hämoglobins, des roten Blutfarbstoffes, stieg unter Schisandra-Einnahme um 6 %.
Schisandra steigert Fitness und Ausdauer, wie eine Untersuchung an 140 männlichen Langstreckenläufern zeigte. 74 % der Athleten, die Schisandra nahmen, konnten ihre eigene bisherige Höchstleistung verbessern, und das ganz ohne Nebenwirkungen, wie es bei Aufputschmitteln der Fall ist. Eine Gruppe von Skiläufern und Langstreckenläufern, die zwei Wochen lang Schisandrakerne zu sich nahmen, profitierten davon bereits nach 24 Stunden durch Leistungssteigerungen. Die Beere hat auch einen günstigen Effekt auf unser Zentralnervensystem. Bei Probanden verbesserte Schisandra Sehkraft, Gehör und Tastsinn. Auch bei Hunden und Ratten wurden schnellere Reflexe und bessere Unterscheidungskraft beobachtet, wenn Schisandra ins Futter gegeben wurde. Rennpferde verbesserten ihre Leistung durchschnittlich um 3 Sekunden auf 800 Metern. Leistungsschwache Sportpferde verbesserten ihre Leistung.
Barbara Simonsohn
studierte Sozialwissenschaften und schloss ihr Studium als Diplom-Politologin ab. Später entschloss sie sich, etwas über biologischen Land- und Gartenbau zu lernen und besuchte die Findhorn-Gemeinschaft in Schottland so wie den bio-dynamischen Hof von Baldur Springmann, dem bekanntesten Öko-Bauer Deutschlands. Die Autorin beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit dem Thema Ernährung und ließ sich zur von der Naturheilärztin Dr. Renate Collier zur Azidose- und Fastenleiterin ausbilden.
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Barbara Simonsohn
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Ausblick
Erfahren Sie im zweiten Teil des Artikels mehr über die Schisandrabeeren und Ergebnisse der modernen Forschung.