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Artikel
02. Dezember 2009
Besser die Zeit anhalten als ihr hinterher jagen
Rubrik: Artikel, Stress

Von: Martina Schneider

Zeit ist Geld. Zeit zu haben, der pure Luxus. Oder reine Verschwendung, je nach Sichtweise. Keine Zeit zu haben, erzeugt Stress. Zeit totzuschlagen ebenso. Weil das eigene Zeitgefühl abhanden gekommen ist und die Wahrnehmung dafür, was einem wichtig ist, zu leben. Eine solche Beleidigung schätzt das Bewusstsein gar nicht: Die Kränkung schmerzt. Immer wieder. Ständige Selbstmissachtung verursacht Dauerstress, den weder Körper noch Geist leicht verzeihen. Die schlechte Nachricht: Am Ende ist der Mensch oft chronisch krank. Die gute: Wer sich Zeit nimmt, um sich zu besinnen, findet häufig den Weg zurück zu sich selbst und in eine Zeit, in der er gesund war. Diesen angenehmen Zustand haben die Neurone nicht vergessen. Ein Programm in acht Schritten kann helfen, dass die Erinnerung wieder lebendig und gegenwärtig wird.

Erster Schritt: Gehen

Auf dem Weg zu sich sein heißt, überhaupt gehen zu können. Manch einer scheint schon diese Fähigkeit im täglichen Wettrennen mit der Zeit und gegen sie verloren zu haben. Schlimmer noch: Er kann es sich überhaupt nicht mehr vorstellen zu gehen. „Ich will ja, aber ich kann nicht...“ – der Wille ist dem Bewusstsein untertan, die Vorstellungskraft dem „stärkeren“ Unbewussten. Sobald die Vorstellung, das Bild vom Gehen wieder vor dem inneren Auge deutlich sichtbar ist, geht es auch voran. Langsam anfangs, da ungewohnt, aber ungewöhnlich leicht!

Zweiter Schritt: Langsam gehen

„Wenn du es eilig hast, gehe langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mache einen Umweg.“ Das japanische Sprichwort könnte auch so übersetzt werden: Gehe im Schneckentempo und handele in Zeitlupe, dann erlebst du dein Leben mit allen Sinnen, schulst Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Und machst so kaum noch Fehler, die dich nur Zeit, Ansehen und Geld kosten.

Aber das ist doch langweilig! Gott sei Dank. Lange Weile zu haben, heißt, endlich genügend Zeit haben für das, was einem wichtig ist. Wer allerdings kaum oder gar nicht weiß, was ihm wichtig ist, mag gelangweilt sein und langweilig wirken. Während ihm seine Zeit davonrennt, steht er still.

Dritter Schritt: Achtsam gehen

Doch auch den Stillstand kann man nutzen. Als Ausgangspunkt beispielsweise, um in eine lange weilende Ruhe zu kommen, die langsam neugierig darauf werden lässt, wie es ist, nicht zu wissen, was man gerade tun soll. Oder im umgekehrten Fall: wie es ist, zehn Dinge gleichzeitig tun zu wollen, ohne auch nur eines richtig, also bewusst zu machen. „Menschen leben oft in einer Alltagstrance; sie sind wie von einem Autopiloten gesteuert und steuern nicht selbst wie ein guter Pilot, der alle Einzelheiten der Wirklichkeit aufmerksam registriert und danach handelt.“ Ein Bombardement aus Reizen, sagt der US-amerikanische Verhaltensmediziner Jon Kabat-Zinn, Begründer der Achtsamkeitsbasierten Stressminderung (Mindfulness Based Stress Reduction / MBSR), bringe den Menschen aus dem Gleichgewicht. Überdies schätze die Gesellschaft Multi-Tasking-Arbeitnehmer – zumindest solange sie es durchhalten, viele Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Das Gegenmittel: „Achtsamkeit!“ Bewusst und absichtlich wird die Aufmerksamkeit auf das gelenkt, was der Mensch gerade in diesem Moment erlebt: Wenn er sitzt, sitzt er, wenn er isst, isst er, wenn er geht, geht er ... Zudem trainiert er wahrzunehmen, ohne zu beurteilen, zu deuten, zu bewerten – Teil der Philosophie des Zen-Buddhismus’, um nach jahrelangem Üben in einen dauerhaften Zustand des absoluten Gewahrseins zu gelangen. Weiteres Element der MBSR: die Meditation. Während der Meditierende aufmerksam registriert, was um ihn und in ihm passiert, kann er beobachten, was seinen Geist beschäftigt. Und ablenkt. Die Technik der Vipassana-Meditation hat Kabat-Zinn aus dem Theravada-Buddhismus Südasiens übernommen. Atem- und Yogaübungen ergänzen das „Prinzip Achtsamkeit“.

Vierter Schritt: Gedanken gehen lassen

Gedanken verursachen Gefühle. „Wer seine Gedanken verändert, verändert sein Gefühl“ umschreibt Psychotherapeut und Autor Matthew McKay, Professor am Wright Institute in Berkeley / USA, „die simple Idee, auf der alle kognitiven Techniken beruhen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden“. In seinem neu erschienenen Arbeitsbuch „Gedanken und Gefühle“ [1] gibt er eine Fülle von Übungen preis, die zu einer sinnvollen Selbstbehandlung animieren, um das Problem „Stress“ oder „Schmerz“ im Kopf zu lösen. Automatischen Gedanken, die einen emotional herunterziehen, auf die Spur zu kommen mit Hilfe eines Gedankentagebuches, ist ein Kapitel für sich. Gedanken zu stoppen, ein anderes: Kurz konzentriert man sich auf einen unerwünschten Gedanken, stoppt ihn plötzlich, indem man innerlich beispielsweise ein Stoppschild sieht, und lässt den Geist leer werden. Nach etwa einer Woche Üben geht dies meistens leicht. Dann vielleicht auf dem Programm: selbstverstärkende Gedanken entwickeln, die einen inneren Prozess zur Problembewältigung unterstützen. „Dieses Gefühl (Stress, Wut, Angst) ist nicht angenehm, aber ich kann es akzeptieren“ ist so ein guter Gedanke. „Ich kann mit diesen Symptomen oder Empfindungen zurechtkommen.“ Oder schlicht: „Dies wird vorübergehen.“

Auch für Fortgeschrittene hat McKay einige Übungen parat:

  • Das Förderband: „Hier geht es darum, alles, was im Geist auftaucht, zu registrieren und zu bezeichnen, als ob der Geist ein Förderband wäre, das sich von der Gegenwart in Richtung Vergangenheit bewegt.“ Diese Übung kann helfen, den Geist zu beobachten und seine Kapriolen Kategorien zuzuordnen, „ohne sich im Inhalt zu verfangen und ohne in gewohnte mentale Muster zu verfallen“.
  • Der Reinraum: die Chance, den Geist bei der Arbeit zu beobachten, indem man sich vorstellt, dass er ein Reinraum ist, den die Gedanken passieren. Sie kommen und gehen durch eine Tür hinein und durch eine andere hinaus, sie leben nur ein kurzes Leben – selbst die bewertenden, verurteilenden, strafenden Gedanken. Auch sie sind in Ordnung. Auch sie ziehen davon. „Dies wird so lange geübt, bis man sich wirklich von seinen Gedanken gelöst hat, bis selbst urteilende Gedanken den Reinraum passieren können, ohne zu verweilen.“

Fünfter Schritt: Mit sich als Freund umgehen

Wer sich selbst der beste Freund ist, kann erst wirklich eines anderen Freund sein. Warum also an die Freundschaft zu anderen Menschen höhere Maßstäbe anlegen als an die zu sich selbst? Sich beispielsweise fest mit sich selbst zu verabreden, schafft nicht nur Freiräume zum Durchatmen, sondern auch Ruhezonen zum Auftanken. Hilfreich: einen täglichen Terminkalender anlegen, in dem mindestens eine Stunde Zeit für sich fest eingeplant ist. Wer keine schlechten Erfahrungen mit seiner Schulzeit gemacht hat, der kann sich einen schönen bunten Stundenplan malen – schließlich möchte er noch lernen, was es bedeutet, mit Freistunden zu rechnen, auf Pausen zu zählen und die Kunst des Müßiggangs zu üben.

Sechster Schritt: Neue Pfade gehen

„Sicher bringt das Informationszeitalter enorme Erleichterungen mit sich“, sagt Hanka Sat Want Kaur, Trainerin für die noch junge Yogatechnik BreathWalk®, „gleichzeitig aber zahlt unser Nervensystem einen hohen Preis.“ Eine Möglichkeit, Stress abzubauen, um wieder in einem gesunden und natürlichen Rhythmus zu leben, ist die Kombination aus Atmen und Gehen: „Beide sind die natürlichsten und zugleich kraftvollsten Aktionen des Menschen“, erklärt Sat Want Kaur, „und in beiden Aktionen sind Werte verborgen, aus denen wir größten Nutzen ziehen können.“[2] Mit der Kombination aus Bewusstem Atmen, Meditation, Mantras, Walken, Yoga und Mudras in frischer Luft und im Grünen können paradoxe Atemmuster und auffällige Haltungsangewohnheiten aufgelöst werden, die Vitalität steigt, die Lebensfreude ohnehin, und der gesamte Organismus kann ins Gleichgewicht zurückfinden.

Entwickelt wurde das entsprechende Übungsprogramm von Yogi Bhajan, Meister des Kundalini-Yoga, und von dem US-Psychologen Gurucharan Singh Khalsa, der BreathWalk® in 16 Einzelprogramme aufteilte: für mehr Energie beispielsweise, gegen Ängste und Depression, für geistige Klarheit und Kreativität, emotionale Präsenz oder spirituellen Reichtum. Inzwischen gibt es auch einige wissenschaftliche Studienergebnisse dazu, wie (möglichst) tägliches BreathWalking wirkt[3] – Stress wird abgebaut und der Blutdruck reguliert, Ängstlichkeit und Traurigkeit verschwinden ebenso wie Übergewicht, Erschöpfungszustände lösen sich auf, Rückenschmerzen werden nach und nach weniger. „Unser Atem ist der geheime Schlüssel“, bringt Singh Khalsa an Stress Leidende Schritt für Schritt auf den Weg. „Wer ganz normal leben möchte, muss sich nicht besonders anstrengen. Aber wenn wir mehr als nur überleben wollen, wenn wir uns selbst übertreffen oder gezielt verändern wollen, dann ist dieses Extra an Aufmerksamkeit nötig.“

Siebter Schritt: Auf die Natur zugehen

Gleich mehrere Heilpflanzen können Reiz- und Unruhezustände dämpfen und den Menschen entspannen, ohne dass die Konzentration für die Arbeit leidet oder er müde wird. Beruhigend in stressigen Zeiten wirken Apfel, Hopfen, Ingwer, Johanniskraut, Lavendelblüten, Melisse, Orangenblüten, Passionsblume, Rosenblüten und Rosmarin. Vier Besonderheiten gibt es:

  • Ingwer hat Blut verdünnende Eigenschaften und sollte deshalb nicht als Gewürz verwendet werden, wenn gleichzeitig Blut verdünnende Medikamente eingenommen werden.
  • Johanniskraut entfaltet erst nach einigen Wochen Teegenuss seine vollständige, Nerven stärkende Wirkung; wer eine Teekur über mehrere Monate macht, braucht Nebenwirkungen nicht zu fürchten, er sollte nur die Sonne meiden wegen erhöhter Lichtempfindlichkeit der Haut.
  • Melisse, morgens getrunken, regt an, ohne aufzuregen, abends getrunken macht sie müde.
  • Rosmarin beruhigt nicht nur und kräftigt die Nerven, es regt auch den Kreislauf an, weshalb es am Tage als Heilgewürz oder -tee eingenommen werden sollte. Abends könnte es den Schlaf verhindern.

Heiltee bei Spannungs- und Reizzuständen:

30 g Johanniskraut
20 g Pfefferminzblätter
15 g Melissenblätter 

Für eine Tasse Tee werden zwei Teelöffel der Mischung mit heißem Wasser übergossen, zugedeckt acht Minuten ziehen lassen, abseihen. Täglich zwei bis drei Tassen Tee trinken. Nach zwei Wochen allerdings eine Woche Pause machen, andernfalls kehrt sich die dem Organismus zuträgliche Wirkung der Pfefferminze in eine abträgliche um.

Heiltee gegen Nervosität:

20 g Passionsblume
20 g Hopfenzapfen
15 g Orangenblüten
15 g Melisse

Für eine Tasse Tee werden zwei Teelöffel der Mischung mit heißem Wasser übergossen, zugedeckt acht Minuten ziehen lassen, abseihen, etwas abkühlen lassen. Eine Tasse nachmittags, eine Tasse am frühen Abend warm, nicht heiß trinken.

Nach der Traditionellen Chinesischen Medizin wirkt ein Kaltauszug aus Herzgespannkraut beruhigend und ausgleichend. Zwei Teelöffel des fein zerkleinerten Krautes werden mit zwei Tassen Wasser als Aufguss zubereitet und täglich zwei Tassen getrunken, dies mehrere Wochen lang.

Achter Schritt: Sich in Düften ergehen

„Aroma-Ölbäder dienen der körperlichen und seelischen Gesundheit und gewinnen einen immer höheren Stellenwert in unserer Gesellschaft“, schreiben Marianne Dolzer und Petra Doleschalek in ihrem neuen Buch „Heilende Salben und Tinkturen selbst gemacht“[4]. Professor Dr. Karin Kraft, Inhaberin des bundesweit einzigen Lehrstuhls für Naturheilverfahren, Universität Rostock, sagt, warum dies so ist: „Ätherische Öle und deren einzigartige Aromen wirken auf das limbische System des Gehirns.“ Es sei aber darauf zu achten, dass ätherische Öle und nicht Duftöle zur Therapie verwendet werden. „Während ätherische Öle pflanzlichen Ursprungs aus bis zu 300 verschiedenen Inhaltsstoffen mit unterschiedlichen Wirkungen bestehen, werden bei Duftölen nur wenige, insbesondere diejenigen, die für den Geruch verantwortlich sind, synthetisiert und zusammengemischt.“

Eine physiologische Wirkung erzielen ätherische Öle auf der seelischen Ebene durch Duftimpulse, die über die Riechnerven das limbische System erreichen. Dort löst die Stimulation verschiedener Gehirnareale Erinnerungsreaktionen aus und beeinflusst Körperfunktionen reflektorisch. Ätherische Öle gelangen über den Blutkreislauf in alle Organe und beeinflussen auf der zellulären Ebene Enzyme, Ionenkanäle, Rezeptoren. Sie passieren auch die Blut-Hirn-Schranke. Kraft: „Pharmakologische Untersuchungen haben wissenschaftlich gesicherte positive Wirksamkeitsbelege ergeben. Kontrollierte klinische Studien zu häufig genutzten ätherischen Ölen wie Lavendel-, Zitronen-, Orangen-, Kamillen- und Melissenöl bestätigen, dass sich die Aromatherapie als nebenwirkungsarme begleitende Therapie eignet: zur Entspannung, um Schmerzen zu reduzieren, ebenso Angst, Stress und depressive Stimmung und um Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung zu steigern.“[5]

Anti-Stress-Bad mit Aroma-Ölen nach Dolzer & Doleschalek:

90 g Distel- oder Erdnussöl
10 g Lysolecithin
10 g ätherisches Bergamotteöl
15 Tropfen ätherisches Sandelholzöl
3 Tropfen ätherisches Kamille blau
15 Tropfen ätherisches Lavendelöl

Das Öl mit dem Lysolecithin gut mischen, die ätherischen Öle untermischen und in eine geeignete Flasche abfüllen. Der Inhalt reicht für etwa vier Wannenbäder. In entspannenden Düften, in wohltuender Ruhe und Wärme kann sich auch eher eine philosophische Grundhaltung erneuern.

Gott schuf zwar die Zeit, aber von Eile hat er nichts gesagt. (Finnisches Sprichwort)

 

Martina Schneider

ist Heilpraktikerin & Wingwave®-Coach in eigener Praxis, sie leitet das Seminarhaus „Schlüsselblume“ in Kreuzberg / Ahr, Nähe Bonn, und doziert am liebsten in ihrer Schlafschule, Wachschule und Schule der Langsamkeit. Zudem ist sie als freie Redakteurin, Autorin und Lektorin tätig. 1996 hat sie begonnen, sich aus- und fortzubilden in: Naturheilkunde, Phytotherapie, Gewürzheilkunde, Schlafmedizin, Traumatherapie, Familienstellen, Stress-Management, Kommunikations- und Mentaltraining / NLP, Neurosprache und Tiefenentspannung – und lernt jeden Tag dazu.

Kontakt
Naturheilpraxis & Schlafschule
Am Sahrbach 3
D-53505 Kreuzberg / Ahr
www.naturheilpraxis-in-kreuzberg.de

 

Literatur

Stan Nadolny: „Die Entdeckung der Langsamkeit“, Piper, München, Neuauflage 2009
Kathrin Ruf: „Nimm dir Zeit zum Leben“, Gondrom Verlag, Bindlach, 2007
Brigitte Röthlein, Erik Liebermann: „Anleitung zur Langsamkeit“, Piper, München, 2007
Rudolf Walter. „Lass dir Zeit“, Herder, Freiburg, 2001

Fußnoten

[1] Matthew McKay, Martha Davies, Patrick Fanning: „Gedanken und Gefühle – ein Arbeitsbuch“, 2009, Junfermann, Paderborn
[2] Hanka Sat Wan Kaur und Gurucharan Singh Khalsa: „BreathWalk® Schritt für Schritt“, 2008, VAK Verlag, Kirchzarten
[3] siehe www.breathwalk.de
[4] Dolzer & Doleschalek: „Heilende Salben und Tinkturen selbst gemacht“, 2009, Anaconda Verlag Köln
[5] Karin Kraft: „Aromatherapie – Was ist gesichert?" in Erfahrungsheilkunde, 2008 Mai, 282-286, Haug Verlag Stuttgart

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